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Dieter Nuhr im Gespräch : Beim Islam hört es mit dem Witzemachen auf

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Bringt in seinen Programmen auch den radikalen Islam auf die satirische Bühne: Dieter Nuhr Bild: dpa

Die Welt ist erschüttert über den Anschlag auf „Charlie Hebdo“. Warum es höchste Zeit ist, dass die gesellschaftliche Mitte dem Fanatismus entschlossen Paroli bietet. Ein Gespräch mit dem Kabarettisten Dieter Nuhr.

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          Das Massaker an der Redaktion der französischen Satire-Zeitung „Charlie Hebdo“, die Morde an Polizisten und an den Besuchern eines jüdischen Geschäfts in Paris haben die Welt erschüttert. Viele Demonstranten und Zeitungen erklären, nicht nur in Frankreich: „Je suis Charlie“. Nehmen wir an, das ist ernst gemeint: Folgt etwas daraus?

          Ich fürchte: nicht wirklich. Oder doch? Vielleicht ein Umdenken? Es wäre einfach zu wunderbar, wenn sich die Menge mal wieder zusammentäte, um für Freiheit und Toleranz einzutreten. Bei uns hat Pegida wertvolle Ansätze in dieser Art kaputtgemacht, weil die Leute in Dresden gemeinsam mit Nazis und Kriminellen demonstrieren und damit offenbaren, dass es ihnen nicht um Freiheit, sondern um Ressentiments gegen Ausländer geht. Wie kann ich mit Nazis gemeinsam für die Meinungsfreiheit kämpfen? Das ist doch völlig absurd! Freiheit ist ein ureigenes bürgerliches Thema. Es wird Zeit, dass sich die breite Mitte gegen Fanatiker und Intoleranz verteidigt, egal ob die Beschränkung der Freiheit von links oder von rechts oder von den Islamfaschisten kommt.

          Warum ist gerade der Witz, die Überzeichnung, die Karikatur - gezeichnet oder formuliert - offenbar so gefährlich?

          Weil sie durch Überhöhung die Lächerlichkeit des menschlichen Handelns sichtbar macht. Wenn über mich gelacht wird, zerstört das mein Selbstwertgefühl, wenn ich keine starke Persönlichkeit habe. Diese Bewegungen, die keinen Widerspruch zulassen, haben ja alle mit gestörtem Narzissmus zu tun. Diese Leute behaupten, im Namen Gottes zu sprechen und zu handeln. Das ist pathologisch.

          Gilt die Gleichung: je religiöser, desto humorloser?

          Da Religion immer behauptet, im Besitz einer unverhandelbaren Wahrheit zu sein, die vom Schöpfer selbst offenbart wurde, ist es bei den Religiösen mit Kritik immer schwierig. Aber man sollte da auch die graduellen Unterschiede nicht vergessen. Wenn sich irgendein Bischof im Ortsteil über Gotteslästerung beklagt, ist das sein gutes Recht. Auch für ihn gilt die Meinungsfreiheit. Aber er sprengt sich und andere nicht in die Luft deswegen. Das macht ihn mir dann schon wieder sympathisch.

          Der Beruf von Journalisten, Karikaturisten und Satirikern ist die Meinungsfreiheit. Muss, wer für diese eintritt, jetzt auch bei uns um sein Leben fürchten? Zumal wenn es um Kritik an der Religion, an religiös motiviertem Extremismus, insbesondere dem Islamismus geht?

          Jetzt? Wieso jetzt? Ich habe auf der Bühne schon vor Jahren erklärt, dass man als Künstler bei uns im Westen zum ersten Mal seit 1945 ein Thema meiden muss, wenn man keine Gewalt erleiden will. Dafür musste ich mir von Kabarettkollegen anhören, das sei „gequirlte Scheiße“. Da fehlte den Herren wohl ein wenig der Blick für die Realitäten. Aber das ist im Kabarett ja nicht selten, wenn die Ideologie das Blickfeld versperrt. Fakt ist: Man kann über alles Witze machen, über Nazis, den Papst, über Heilsideologien und Religionen, nur beim Islam hört es auf. Aber das muss doch jedem schon vor dem Anschlag klar gewesen sein.

          Schon nach dem Streit um die Mohammed-Karikaturen hatte man den Eindruck, dass sich viele sagen: Islam - davon lasse ich lieber die Finger. Auch im politischen Kabarett scheint der Islam und scheint der Islamismus - von Ihnen und wenigen anderen abgesehen - kein großes Thema zu sein. Witze über andere Religionen sind aus naheliegenden Gründen leichter zu haben. Ist nicht so gefährlich.

          Ja natürlich. Zunächst mal gilt: Eine große Fresse ist immer einfach, wenn man weiß, dass nichts passiert. Unter direkter Gewaltandrohung ist das anders, in der Diktatur beispielsweise. Da muss man verbrämt sprechen, drum herumreden, wie beim Thema Islam auch. Wer heute im Fernsehen einen Witz über Mohammed macht, muss damit rechnen, getötet zu werden. Da ist die Freiheit schon lange den Bach runter.

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