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Dieter Nuhr im Gespräch : Beim Islam hört es mit dem Witzemachen auf

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Die Schere im Kopf öffnet sich nicht erst, wenn es um Mörderkommandos wie in Paris geht. Schon Witze über den Islam an sich stehen unter Verdacht. Man gilt schnell als islamophob.

Ja, das ist der Lieblingsvorwurf von links, weil die Linke, in der sich früher die Intellektuellen trafen, heute nur noch ein Schatten ihrer selbst ist. Der Andersdenkende wird heute meist nicht mehr mit Argumenten, sondern mit Etikettierungen außer Gefecht gesetzt, dann ist man wahlweise islamophob, neoliberal, rechts oder sonst was. Da ist es dann auch egal, ob das, was man gesagt hat, richtig ist oder nicht. Da ist die Klappe zu, Feierabend. Dazu kommt: Das Internet gibt jedem die Gelegenheit sich zu äußern. Das hat das Niveau der Diskurse nicht gehoben, da wird es oft sehr schnell primitiv und beleidigend. Und was Islamophobie angeht: Phobien sind krankhafte Ängste. Und die pauschale Bezeichung aller Islamkritiker als „islamophob“ zeigt, was diese Leute von Andersdenkenden halten: Wer anderer Meinung ist, ist krank. Aha. Auf der Linken übersieht man leider gerne, dass der radikale Islamismus mit dem Urfeind der Linken, dem Nazismus, überwältigend viel gemeinsam hat: Der Jude, der an allem schuld ist, die Bewertung jeglicher Kritik als feindliche Aggression, die Sicherheit, im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein, die Kampfbereitschaft bis auf den Tod, die Aufstiegsmöglichkeiten in der Hierarchie der Bewegung für Underdogs, der Ehrbegriff und vieles mehr.

Sie haben Erfahrung mit intoleranten Kritikern, die Witze über Selbstmordattentäter, die auf 72 Jungfrauen im Paradies hoffen, nicht goutieren. Überlegen Sie sich inzwischen nicht jede Pointe zweimal?

Da kommen Sie mit zweimal nicht aus. Inzwischen sammle ich für alles Belege, als würde ich eine wissenschaftliche Arbeit schreiben. Egal worüber Sie reden, einer ist immer beleidigt. Die Religiösen, die Linken, die Rechten und, nicht zu vernachlässigen, auch die Riesenmenge derer, die sowieso immer genau wissen, dass jede andere Meinung als die eigene falsch ist. Irgendwann werde ich wohl mit Fußnoten reden müssen.

Was halten Sie von dem auch jetzt wiederholten Argument, Gewalttat, wie die in Paris hätten mit dem Islam gar nichts zu tun?

Das ist ja völliger Unsinn. Die Attentäter berufen sich ja auf den Koran, auf konkrete Textstellen. Tatsache ist: Aus dem Koran können sie vieles ableiten. Es gibt die Lobpreisung des Friedens wie den Aufruf zur Niedermetzelung der Andersgläubigen, die Todesstrafe für Glaubensabtrünnige, dass Gott die Ungläubigen zunichtemachen will und so weiter. Er steht quasi also für alle als Ideensteinbruch bereit, auch für Mörder, die sich für Vollstrecker des Gotteswillens halten. Die islamistische Bewegung hat selbstverständlich mit dem Islam zu tun, denn die Morde geschehen ja im Namen des Korans. Da werde ich mich als Muslim mit auseinandersetzen müssen, so wie ich mich als Deutscher damit auseinandersetzen muss, was in deutschem Namen passiert ist.

Haben die permanent Beleidigten, die auf Humor und Kritik mit blanker Gewalt antworten, nicht schon gewonnen? Und stehen Leute wie Salman Rushdie oder der dänische Zeichner Kurt Westergaard nicht allein im Regen?

Natürlich hat die Gewalt insofern schon lange gesiegt. Was Rushdie und Westergaard erleben mussten, ist beschämend. Anstatt dass die Menschen sich hinter sie stellten, gab man sich kurz empört und ließ die beiden dann mit Polizeischutz weitgehend allein. Im allgegenwärtigen Strom von Nachricht und Shitstorm wird das Gedächtnis immer kürzer. Wahrscheinlich ist man in drei Wochen schon wieder islamophob, wenn man die Freiheit für bedroht hält. Aber vielleicht ändert sich daran ja jetzt mal was. Zeit wäre es.

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