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Proteste in Belarus : Sie haben Angst vor den Furchtlosen

  • -Aktualisiert am

Zeit der Mikropoteste: Belorussische Feministinnen gedenken der weiblichen politischen Gefangenen. Bild: AFP

In der Kleinstadt Nowogrudok entlässt das Museum eine verdiente Historikerin. So wie sie werden im ganzen Land unabhängig denkende Figuren der Kulturszene verfolgt.

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          Die Gründerin eines Museums des jüdischen Widerstands in der belarussischen Kleinstadt Nowogrudok ist das nächste Opfer einer systematischen Verfolgungswelle des Machtapparats in Belarus. Tamara Werschyzkaja verliert zum 1. April ihre Arbeit, weil sie öffentliche Stadtführungen durch Nowogrudok anbot. 2007 waren bei Ausgrabungen der Eingang eines einst zweihundert Meter langen Tunnels freigelegt worden, durch den im September 1943, kurz vor der Ermordung der letzten jüdischen Einwohner, mehr als zweihundert Menschen die Flucht aus dem Getto gelang. Dutzende Juden überlebten in der Partisaneneinheit der Bielski-Brüder im Kampf gegen die deutschen Besatzer. Tamara Werschyzkaja brachte als damalige Direktorin des Landeskundlichen Museums eine neue Dauerausstellung rund um den Tunnel auf den Weg. Sie machte den nationalsozialistischen Mord an mehr als fünftausend Juden aus Nowogrudok und den Kampf der jüdischen Partisaneneinheit im nahen Waldgebiet zum festen Bestandteil der Stadtgeschichte. Sonst kennt man in Belarus Nowogrudok wegen seiner Kirchen und als Geburtsort des Poeten Adam Mickiewicz.

          Werschyzkaja wurde zum Verhängnis, dass der Staatsapparat die verlorene Kontrolle über die öffentlichen Räume im Land wiedererlangen will. Zur Bedrohungslage gehören aus Sicht der Sicherheitsorgane etwa die Stadtführungen, die Werschyzkaja seit Herbst mit ihrer Kollegin Galina Kowaltschuk anbot. Das Angebot war legal, doch die beiden Historikerinnen hatten sich selbständig ihre Themen ausgesucht. Unter den Teilnehmern waren Leute, die vorigen Sommer wegen der „Teilnahme an einer illegalen Kundgebung“ verurteilt worden waren. Für die staatliche Museumsaufsicht waren beide Historikerinnen nicht mehr tragbar. Der hochverdienten Werschyzkaja wurde nach mehr als dreißig Jahren Anstellung am Museum ihr Vertrag nicht verlängert.

          Verleger fürchten, verhaftet zu werden

          Dieser Vorfall ist einer von Dutzenden Schreckensnachrichten aus der Kulturszene von Belarus. In den vergangenen Wochen richteten sich gezielte Repressionen gegen potentielle Multiplikatoren. Vereinsbüros unabhängiger Kulturlokale werden von der Finanzaufsicht nach vermeintlichen Veruntreuungen durchsucht. Verleger müssen fürchten, verhaftet zu werden. Statt massenweise zweiwöchigen Arrest zu verhängen, fordert die Staatsanwaltschaft zunehmend mehrjährige Haftstrafen. Die Angst vor den Repressionen steigt auch, seit es aufgrund der Corona-Beschränkungen schwieriger wurde, das Land zu verlassen. Das Auswärtige Amt verweigert betroffenen Künstlern oft ein Visum, wenn sie nicht nachweisen können, dass ihr Aufenthalt in Deutschland zwingend notwendig ist.

          Das Ziel der derzeitigen Säuberungen ist es, jede Form potentiell kritischer Öffentlichkeit zu unterbinden und Angst und Schrecken zu verbreiten. Kürzlich wurden zwei Journalistinnen des Fernsehsenders Belsat zu zwei Jahren Haft verurteilt, weil sie eine Trauerfeier für den Künstler Roman Bondarenko per Handy ins Internet übertragen hatten. Bondarenko wurde auf dem von den Anwohnern „Platz des Wandels“ genannten Minsker Hinterhof von Maskierten überfallen und erlag später seinen Verletzungen. Gegen die Journalistin Katerina Borissewitsch und den Arzt Artem Sorokin, die öffentlich der staatlichen Version widersprochen hatten, Bondarenko sei in der Tatnacht alkoholisiert gewesen, findet derzeit ein Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Auch Borissewitsch und Sorokin drohen mehrjährige Haftstrafen – für das Aussprechen der Wahrheit.

          Die fröhlichen, kreativen Massenproteste des vorigen Sommers und Herbstes wurden im Winter abgelöst von weiß-rot-weißen Mikroprotestmärschen in den Neubauwohngebieten und sind daher eine noch nicht abgeschlossene Geschichte. So stellt sich jetzt auch die Frage nach der Möglichkeit ihrer Historisierung. Es ist kein Zufall, dass derzeit im ganzen Land Rasterfahndungen nach Freiwilligen der Menschenrechtsorganisation „Wjasna“ stattfinden. Wjasna sammelt Material, um die seit August entfesselte staatliche Gewalt gegenüber Protestierenden zu dokumentieren. Präsident Lukaschenka und seine Sicherheitsdienste wissen, dass dieses Archiv einst gegen sie verwendet werden wird, um sie wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit sowie wegen Verstößen gegen die Verfassung der Republik Belarus anzuklagen. Nur so ist die Härte zu erklären, mit der in Brest, Minsk und vielen kleineren Orten selbständig denkende Menschen belangt werden. Tamara Werschyzkaja aus Nowogrudok erklärt es so: „Sie fürchten Menschen, die keine Angst vor ihnen haben.“

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