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Dienstleistungsgesellschaft : Die Leidtragenden unserer Bequemlichkeit

Putzfrauen wie diese Reinigungskraft im Düsseldorfer Landtag machen anderen das Leben angenehmer – und werden selten angemessen entlohnt. Bild: dpa

Wir haben es uns in der Dienstleistungsgesellschaft bequem gemacht. Der Normalzustand ist für uns selbstverständlich. Den Preis dafür zahlt allerdings ein unsichtbares Proletariat: Paketzusteller, Kassenfrauen und Gebäudereiniger. Und nicht zu knapp.

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          Manche Menschen bekommen wir kaum zu sehen, obwohl wir dauerhaft mit ihrer Arbeit in Berührung geraten. Eine geisterhafte Riege von Arbeitskräften tritt in Aktion, wenn wir unser Büro verlassen haben, und geht, bevor wir zurückkehren. Niemand verschwendet einen Gedanken daran, wer den Schreibtisch aufgeräumt hat, wenn er morgens mit der Arbeit beginnt. Keiner denkt noch an den Zusteller, wenn er die Schlagzeile der Tageszeitung in den Blick nimmt. Die Menschen, die in den „einfachen Dienstleistungen“ arbeiten, sind unsichtbar.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Und zwar im doppelten Sinne: Nicht nur kann man sie im Alltag bestens ignorieren, es ist auch kaum etwas über sie bekannt, obwohl immerhin elf Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland in diesem Bereich arbeiten. Das haben die Soziologen Friederike Bahl und Philipp Staab jetzt mit zwei umfangreichen Einzelstudien zum Thema geändert, die sich lesen wie eine Reportage von Günter Wallraff.

          Bahl und Staab recherchierten von 2010 bis 2012 zum Teil gemeinsam in fünf Dienstleistungsbranchen, unter anderem in Discountern, Textilgeschäften, in der Pflege und bei Postzustellern, um die verschwommene Vorstellung davon, was die Arbeit in den „einfachen Dienstleistungen“ ausmacht, soziologisch scharf zu stellen. Bevor man begreifen kann, wie alarmierend ihre Ergebnisse sind, muss man verstehen, welche Heilsversprechen sich einst mit den Dienstleistungen verbanden.

          Die Normalitätshersteller

          Der Soziologe Jean Fourastié verstand ihren Aufstieg und den Wandel der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft schon 1949 als Chance. Weil Dienstleister in direktem Kontakt zum Kunden standen, wie zum Beispiel der Friseur, konnte ihre Arbeit nicht mit Stechuhr und Fließbandbeschleunigung rationalisiert werden. Dienstleistungen waren das Licht am langen Ende des rußgeschwärzten Industriearbeitertunnels - immun gegen Versuche, ihre Produktivität mit technischen Mitteln zu steigern. Arbeit würde nun wieder menschlicher werden, prophezeite Fourastié, heilsam ineffektiv, und vielleicht sogar das Ende von kapitalistischer Überproduktion einläuten.

          Die nüchterne Realität und die Schlüsse, die Bahl und Staab ziehen, stehen in krassem Widerspruch zu dieser Utopie. Zunächst ist die Arbeit der Dienstleister natürlich nicht „einfach“, sondern besonders hart und körperlich verschleißend. Einfach mag ihre Arbeit vor allem in den Augen vieler Kunden erscheinen, weil sie keine spezifische Ausbildung erfordert und weil ihr Wert sich nicht in einem konkreten Produkt materialisiert: Wenn die Dienstleister nach Hause gehen, rollt kein fertiges Auto vom Band. Stattdessen leisten sie, was Bahl und Staab „Normalisierungsarbeit“ nennen. Putzkräfte, die das Büro säubern, und Supermarktangestellte, die das Sortiment in den Regalen auffüllen, sind damit beschäftigt, einen Zustand der Normalität im Gleichgewicht zu halten. Ihre Arbeit fällt nur auf, wenn sie nicht gelingt. Man denkt nur an den Postboten, wenn er die Briefe nicht liefert.

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