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Die Zukunft der Städte : Mit Camouflage durch die Krise

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„Dazzle”: Tobias Rehbergers Entwurf für das Frankfurter MMK blendet Op-Art und Kubismus in eins Bild: Tobias Rehberger

Um die Zukunft der Städte tobt eine Diskussion. Was soll abgerissen, wie neu gebaut werden? Die besten Antworten findet man nicht bei Architekten, sondern bei Künstlern: Tobias Rehberger zeigt am Beispiel Frankfurt, wie es gehen könnte.

          Hilfe! Was ist das denn? Was Sie hier sehen, ist das Frankfurter Museum für Moderne Kunst, wie Sie es noch nicht kannten. Auch wenn es nicht so aussieht: Es ist der Bau, den der Wiener Architekt Hans Hollein wie ein großes Schiff in die Braubachstraße geschoben hat, der Eingang liegt mit seinen dürren postmodernen Säulen dort, wo er immer war, kein Raum wurde angetastet - nur dass über das Ganze eine neue Hülle geworfen wurde: Sie ist schwarzweiß, besteht aus Farbe und kippenden, tanzenden Linien - und wer jetzt erst mal an Zebras denkt, liegt nicht so falsch. Es gibt einen Grund, warum Zebras Streifen haben. Und es gibt einen Grund, warum das MMK die Streifen haben sollte, mit denen es der Künstler Tobias Rehberger in diesem Entwurf eingekleidet hat.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Strategie stammt ursprünglich aus der Natur; sie heißt Camouflage. Tiere und Pflanzen tarnen sich vor allem mit zwei Methoden: Erstens, indem sie sich zum Verschwinden bringen, dem Hintergrund angleichen; unerkannt sitzt der grüne Laubfrosch zwischen den Blättern, als Ast getarnt klettert die Gespenstschrecke durch die Baumkrone. Und zweitens, indem sie auf den gegenteiligen Effekt setzt: Sie trickst die Wahrnehmung aus, bringt Körper mit Mustern zum Flirren, bis die Formen wankend auseinanderbrechen. Es waren die Engländer, die diesen Trick im April 1917 als „dazzle painting“ für die Schiffe nutzbar machten. Da Wasser mit dem Lichteinfall immer wieder die Farbe ändert, war es unmöglich, die Schiffe dem Umfeld farblich anzugleichen. Und so bestellte das Militär achtzehn Künstler ein, darunter den englischen Futuristen Edward Wadsworth, um die Schiffe so zu bemalen, als schicke man Zebras zu einer Oase: Viertausend Handelsschiffe und vierhundert Kriegsschiffe erschienen nun wild zermustert wie eine Fata Morgana auf dem Meer; wer das Ergebnis im Fernrohr anschaute, hatte das Gefühl, ein Kaleidoskop in der Hand zu halten. Die Schiffe hatten ihre Form verloren, wo Bug oder Heck war, ließ sich aus der Ferne nicht mehr erkennen.

          Der Versuch, etwas vor der Zerstörung zu bewahren

          Camouflage - ob in der Natur oder im Krieg - ist immer der Versuch, etwas vor der Zerstörung zu bewahren; womit wir wieder beim MMK wären. Auch das MMK kann man zu den bedrohten Spezies rechnen: Nach einer monatelangen, turbulenten Diskussion um Aufgabe und Zukunft des Hauses richten sich gerade viele Blicke auf das Museum, die Erwartungen an die neue Leiterin Susanne Gaensheimer, die in diesen Tagen ihren Dienst als neue Direktorin des MMK antritt, sind hoch. Gleichzeitig liegt das Haus geographisch im Brennpunkt einer Debatte um die Zukunft der Stadt. Denn nicht nur in Berlin, wo der Streit von Schlossbefürwortern und Skeptikern gerade in die hundertste Runde geht, sondern auch in Frankfurt tobt die Querelle des anciens et des modernes: Das Technische Rathaus, ein Beispiel für den Betonbrutalismus der sechziger Jahre, soll abgerissen und stattdessen ein Teil der früheren Altstadt zwischen Dom und Römerberg rekonstruiert werden - mit Nachbauten der historischen Häuser. Und dabei geht es nicht nur der angeblich „unwirtlichen“ Architektur der fünfziger und sechziger Jahre an den Kragen - auch die in Frankfurt ebenfalls reichlich vertretene Postmoderne, die um 1980 gegen die Nachkriegsarchitektur und -stadtplanung antrat, soll verschwinden, wenn es nach dem Willen mächtiger Mitspieler geht.

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