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Faschismus und Männlichkeit : Die weiße Scharia

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„Die Argumentation geht bis zum Topos der Rassenschande“, sagt der Politologe Sebastian Dörfler, der zu Antifeminismus in der Neuen Rechten forscht. „Der Frau werden Eigenschaften als natürlich zugeschrieben, die sie zu einer permanenten Bedrohung für die innere Ordnung der Volksgemeinschaft machen.“ Zu einer Bedrohung für diejenigen, die an diese Ordnung glauben. Und für diejenigen, die von der patriarchal organisierten Familie als Keimzelle der Volksgemeinschaft profitierten, die etwa die Jobs noch unter sich aufteilen konnten, bevor die Frauen und die Migranten kamen. Ronald Reagan erklärte schon Anfang der Achtziger, dass an der zunehmenden Arbeitslosigkeit nicht so sehr die Rezession, sondern berufstätige Frauen schuld seien, die immer mehr Jobs wegnähmen.

Gefährlich wie ein angeschossenes Tier

Diese patriarchale Argumentation schafft es, zwei Gruppen zu vereinen, deren Interessen eigentlich entgegengesetzt sind: Neoliberale wie Trump, die auf die Freiheit und Verantwortung der Einzelnen setzen, die keine Steuern zahlen wollen, weil sie sich ihren Reichtum in ihren Augen selbst erkämpft haben, und Neokonservative, von denen einige einst links waren, die unter dem zunehmenden Abbau des Sozialstaats leiden, die Verantwortung aber nicht in einer neoliberalen Politik suchen, sondern in „Multi-Kulti“ und Feminismus. Dieser rechten Logik kommt auch Sigmar Gabriel nah, wenn er schreibt, die SPD habe sich zu sehr mit Fragen der Gleichstellung etwa von Homosexuellen beschäftigt statt mit den Arbeitern. Auch er spielt Klassenpolitik und Queer-Feminismus gegeneinander aus, statt den Menschen klarzumachen, dass sie gemeinsam um Teilhabe kämpfen müssten. Leichter ist es, in die populistische Klage einzufallen, gender-neutrale Toiletten seien schuld am vermeintlichen Zerfall der Gesellschaft.

Um sich vor dem völkischen Flügel der AfD zu behaupten, muss Alice Weidel, die offen lesbisch ist, laut gegen den „Gender-Wahn“ hetzen. Einer der extremsten Antifeministen der Neuen Rechten ist ebenfalls homosexuell und behauptet, dass Schwulsein und Antifeminismus zusammengehören: Männerliebende Männer müssten aufhören, sich mit den schlimmsten Feinden der Männlichkeit, den Feministinnen, zu verbünden. So brüllt es Jack Donovan, ein ehemaliger Bodybuilder, der jetzt erfolgreich Bücher wie „Der Weg der Männer“ schreibt, den rechten Massen entgegen. Der amerikanische White Supremacist tourt um die Welt, damit alle weißen Männer werden wie er: Muskelbarbaren, die miteinander in Horden leben und mit Blut- und Jagdritualen ihre phallische Gemeinsamkeit feiern, um so über Frauen, Kinder, Schwarze, Schwächere zu herrschen. Manche der rassistischen Männerrechtler gehen sogar so weit, die „White Sharia“ zu fordern: „Wir wollen, dass Frauen wieder den Status haben, den sie im 19. Jahrhundert hatten, bevor der Feminismus unsere Zivilisation ruinierte“, heißt es etwa im „Daily Stormer“, einer Website der Alt-Right-Bewegung.

Wie das angeschossene Tier ist auch das untergehende Patriarchat, so die Soziologin Franziska Schutzbach, womöglich gefährlicher als das Patriarchat selbst.

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