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WDR-Doku „Judenhass in Europa“ : Es passiert hier und jetzt

Schwer schutzbedürftig: die große Synagoge von Sarcelles, die 2014 angegriffen wurde Bild: WDR

Erst im vergangenen Sommer hatte der WDR mit einem Film über Judenhass in Europa öffentlich gefremdelt. Jetzt zeigt der Sender eine zweite Dokumentation, nicht weniger brisant, zum Thema – versteckt im Spätprogramm.

          Der Westdeutsche Rundfunk hat einen Film zum zweiten Mal gedreht. Es geht um „Judenhass in Europa“. Nichts anderes verheißt die Dokumentation von Johanna Hasse und Andreas Morell. Sie zeigen, wie alltäglich Antisemitismus in Europa geworden ist, in Polen, Frankreich oder Deutschland. Sie zeigen, was geschieht, wenn die Mitte der Gesellschaft sich für das, was an den Rändern geschieht, nicht interessiert und gleichgültig bleibt; was geschieht, wenn man linken, rechten und religiösen Extremisten mit Nachsicht begegnet und sich die Demokraten nicht auf den gemeinsamen Nenner einigen, ohne den die freie Gesellschaft zugrunde geht – dass die Menschenrechte unteilbar sind und der Staat zerfällt, wenn er sie nicht für jedermann verteidigt. Mit dem Aufmarsch der Rechtsradikalen in Chemnitz, vorher mit den Straßenschlachten der Antifa in Hamburg und rassistisch motivierten Angriffen auf Minderheiten werden uns gerade Lektionen darin erteilt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Ein Film über Judenhass in Europa vom Westdeutschen Rundfunk? Drehen wir die Zeit etwas mehr ein Jahr zurück. Damals zeigte der WDR im Ersten eine fast identische Dokumentation: „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ von Sophie Hafner und Joachim Schroeder. Doch der Sender zeigte sie erst nach massiver öffentlicher Kritik daran, dass man den Film in der Schublade hatte verschwinden lassen wollen. Der deutsch-französische Kultursender Arte, der das Stück bestellt hatte, kniff. Der Film entspreche nicht der „editorialen Linie“, sagte der Programmdirektor Alain Le Diberder. Warum genau und wieso man dies durch redaktionelle Betreuung nicht hätte ändern können, sagte er nicht. Der Film war polemisch, er provozierte, weil er zeigte, woher der Judenhass in Europa kommt – von rechts wie von links, von Nationalisten, Israel-Kritikern und Muslimen, Alteingesessenen und Zugewanderten. Hier sah man zum ersten Mal, wie im Pariser Vorort Sarcelles eine propalästinensische Demonstration in einen Angriff auf eine Synagoge mündete. Hier sah man Franzosen jüdischen Glaubens, die sich ihres Lebens nicht mehr sicher fühlen und ihre Auswanderung nach Israel vorbereiten. Wir hatten die Stimme der Philosophin Élisabeth Badinter im Ohr, welche inständig an Gesellschaft und Politik appellierte, die Juden nicht alleinzulassen.

          Der Film lief also, doch wurde er wegen vermeintlicher Mängel vor aller Zuschaueraugen zerlegt und hernach vom Programmdirektor des WDR, Jörg Schönenborn, live in Grund und Boden kritisiert. Es ging allein um Selbstrechtfertigung.

          Angst um die Sicherheit der Kinder

          Auf einmal aber geht es doch, mit denselben Stationen, denselben Bildern und denselben Gesprächspartnern. In Warschau ist zu besichtigen, was es bedeutet, wenn eine Partei wie die PiS („Recht und Gerechtigkeit“), die auf kulturelle Homogenität hinarbeitet, an der Regierung ist. Antisemitismus gibt es nach ihrem Dafürhalten per Definition nicht, es hat ihn nie gegeben, kann ihn gar nicht geben. Zugleich sprechen jugendliche Aktivisten der PiS in einem Atemzug vom Kommunismus, der vermeintlichen Weltherrschaft der Juden und von Versklavung der Polen.

          In Frankreich hat es seit 2006 elf Morde an jüdischen Bürgern gegeben, vier davon 2012 bei einem Anschlag auf eine Schule in Toulouse. Die Taten wurden ausnahmslos von muslimischen Terroristen verübt. Wieder hören wir Élisabeth Badinter, die davon spricht, wie schnell der „neue Antisemitismus“ um sich gegriffen habe. 52.000 Juden sind in den letzten Jahren aus Frankreich ausgewandert, 460.000 lebten nach einer Zählung des Jewish Policy Institute 2017 noch im Land. „Ich hatte Angst um die Sicherheit meiner Kinder“, sagt eine Auswanderin, die mit ihrer Familie nach Israel ging. Er lade alle Juden aus Europa ein, hierher zu kommen, sagt ihr Mann.

          Man hätte diesen Film nicht verstecken müssen

          In Deutschland verzeichneten die jüdischen Gemeinden 2016 rund hunderttausend Mitglieder, die Zahl ist seit mehr als zehn Jahren in etwa konstant. Die größte Gemeinde ist in Berlin mit knapp zehntausend Mitgliedern versammelt. In Berlin werden auch die meisten antisemitischen Straftaten gezählt, achtzig in den ersten sechs Monaten dieses Jahres, der Statistik nach fast ausschließlich von Rechtsextremen verübt, der Erfahrung der Opfer nach sind die Angreifer jedoch mehrheitlich Muslime. Einundachtzig Prozent sind es, einer Befragung der Universität Bielefeld zufolge. Den Angriff auf den Inhaber des Restaurants „Feinbergs“ sehen wir in all seiner brutalen Offenheit. Da brüllt ein Alteingesessener seinen Hass heraus, wieder und wieder, und garantiert dem Restaurantbesitzer und seiner ganzen Familie den baldigen Tod: Er solle nur warten, in fünf, spätestens zehn Jahren sei es so weit. Der Tod wird Juden auch auf der Al-Quds-Demonstration in Berlin gewünscht.

          „Mensch ist Mensch, wir sind eine Hand“, sagt der aus dem Libanon stammende Schülersprecher des Ernst-Abbe-Gymnasiums, an dessen Einstellung die Filmautoren die Hoffnung knüpfen, dass es nicht kommt, wie Élisabeth Badinter befürchtet, und wir eine Flucht der Juden aus ganz Europa erleben. Entschieden wird darüber, sagt Levi Salomon vom Jüdischen Forum für Demokratie, jetzt, hier und heute. Um darauf aufmerksam zu machen, hätte der WDR diesen Film nicht in seinem dritten Programm um 22.10 Uhr verstecken müssen. Aber immerhin, er läuft. Ein Pflichtprogramm.

          Die Story: Judenhass in Europa läuft heute, Mittwich, 29. August, um 22.10 Uhr im WDR-Fernsehen.

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