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Gnade für Snowden? : Kein Pardon

Aussicht auf eine Begnadigung durch den Präsidenten hat er eher nicht: Edward Snowden. Bild: AFP

Zuerst hat die „Washington Post“ mit dem Whistleblower Edward Snowden gemeinsame Sache gemacht. Jetzt will sie ihn hinter Gittern sehen. Was ist da los?

          Für die Unterstützer, die der amerikanische Whistleblower Edward Snowden hierzulande hat, ist die Sache klar: Der einstige Mitarbeiter des Geheimdienstes NSA ist ein Held. In den Augen der amerikanischen Regierung ist er ein Verräter, dessen Offenbarungen über Spionageprogramme seinem Land und vielen Menschen geschadet haben.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Dieser Ansicht neigt bemerkenswerterweise auch die „Washington Post“ zu, die bei Snowdens ersten Enthüllungen noch mit von der Partie war. Die Überschrift des Leitartikels sagt schon alles: „No pardon for Edward Snowden“. Pardon, eine Begnadigung Snowdens durch den Präsidenten, fordern Bürgerrechtsorganisationen und Prominente, deren Appell, wie die „Post“ schreibt, exakt auf das Erscheinen des „Snowden“-Films von Oliver Stone getimet ist, der jetzt in den Kinos läuft und den Whistleblower ebenfalls als Helden feiert.

          Die „Post“ trifft bei ihrem Urteil über Snowden eine feine Unterscheidung: Als er enthüllt habe, dass die NSA die Verbindungsdaten der Telefongespräche von Millionen Amerikanern ohne richterliche Anordnung aufzeichnete, habe er einen eklatanten Gesetzesverstoß aufgedeckt, der zur Folge hatte, dass der amerikanische Kongress sogleich ein gesetzliches Verbot nachschob. Publik gemacht hatte Snowden sein Material im Verein mit Zeitungen und Magazinen in aller Welt - unter anderem der „Washington Post“.

          Hatte er eine andere Chance?

          Snowden habe aber, schreiben seine einstigen Verbündeten, danach noch mehr getan: Er habe Informationen zu Überwachungsprogrammen gestohlen und durchgestochen, welche die NSA „overseas“ einsetzte, zu der Zusammenarbeit mit anderen westlichen Geheimdiensten gegen Russland, dem Auskundschaften des Umfelds von Usama Bin Ladin und zu Cyberattacken gegen China. Dafür könne er sich nicht auf „hehre“ Ziele berufen, insofern: keine Gnade und auch keine milde Strafe. Mag der Doppelstandard, mit dem die „Washington Post“ den guten vom schlechten Edward Snowden unterscheidet, schon etwas bigott erscheinen, lenkt die Zeitung den Blick aber doch auf einen Punkt, den Snowdens hiesige Unterstützer ausblenden: Durch seine Flucht an den Hof des Propagandafürsten Wladimir Putin und die von ihm nach und nach weitergereichten Dokumente, welche die Vereinigten Staaten ganz nach dem Geschmack der Russen und Chinesen in Bedrängnis bringen, hat Snowden sein Heldenpotential verspielt. Er sei zu einem „Avatar der Freiheit“ geworden, schreibt die „Post“. Da ist etwas dran. Die Frage ist nur, ob ihm Amerika eine andere Chance ließ.

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