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Wahl in Sachsen-Anhalt : Das Desaster der Demoskopen

Das Ende aller Prognosen: Eine Frau bei der Stimmabgabe in Sachsen-Anhalt. Bild: dpa

In Sachsen-Anhalt hat die Wahlforschung verloren. Sie lag mit ihren Prognosen eklatant daneben. Wie rechnet, wer mit vielen Wechselwählern rechnen muss – in der Demoskopie wie als Partei?

          3 Min.

          Die Umfragen hatten es doch sehr anders vorhergesagt. Der CDU in Sachsen-Anhalt waren von den Demoskopen 27 Prozent (Insa), 28 (Infratest) und 29 (Forschungsgruppe Wahlen) zugetraut worden. Ihr Vorsprung gegenüber der AfD betrug zuletzt mal ein, mal vier und höchstens sieben Prozent. Tatsächlich waren es dann mehr als sechzehn. Bei der SPD verschätzte man sich um ein Fünftel, bei den Grünen um zwei Drittel. In der Fernsehberichterstattung war davon die Rede, das „Kopf an Kopf“-Rennen habe nicht stattgefunden. Besser hätte man von einem demoskopischen Desaster sprechen sollen. Dass die Frage ausblieb, wie es dazu kommen konnte, hängt mit der massenmedialen Liebe zu Umfragen zusammen. Man schont, wovon man lebt.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Noch die freundlichste Erklärung für das falsch vorhergesagte Drama wäre es, den Umfragefehlern selbst einen Effekt auf das Wahlergebnis zuzuschreiben. Das ginge dann nach dem Muster irrtümlich hoher Inzidenz-Erwartungen, die den Leuten einen Schrecken einjagen und dadurch die Zahlen drücken. Man könnte es eine selbstzerstörende Prophetie nennen.

          Mobilisierung oder Wählerwanderung?

          Die Drohung einer AfD an den Fersen der CDU hätte, so verstanden, andernfalls sorglose Wähler zum Kreuz bei der Union bewegt. Und zwar entweder durch ihre Mobilisierung aus dem Bereich der Nichtwähler – netto sollen auf diese Weise etwa 37.000 der CDU zugeströmt sein – oder durch Wählerwanderungen: Allein die Linke soll gegenüber 2016 ganze 14.000 Stimmen an die CDU abgegeben haben, die SPD und die AfD in derselben Größenordnung.

          Die Demoskopen werden eine solche Wirkung ihrer Vorhersagen freilich nicht gern zugeben. Denn darin läge nicht nur die Einsicht, dass es gar keine richtigen Wahlumfragen gibt, weil jede falsche sich mit ihrem Feedback entschuldigen könnte. Es hieße auch, dass Umfragen oder zumindest ihre Publikation politisch und nicht neutral zu betrachten wären. Womöglich unterbleibt auch deshalb eine Diskussion auf offener Bühne.

          Die schweigende Mehrheit

          Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass die in den Umfragen schweigende Mehrheit diesmal offenbar nicht angegeben hatte, CDU wählen zu wollen. Bei ehemaligen Wählern der Linken lässt sich die zugrundeliegende Peinlichkeit noch nachvollziehen. Dass aber in Sachsen-Anhalt inzwischen bis zu vier Prozent Wähler in einer Umfrage der AfD beistimmen, ohne sie dann aber zu wählen, ist bemerkenswert.

          Festzuhalten ist, was manchem trivial erscheinen mag: Es gibt Wechselwähler, sogar bei der AfD. Anders als beispielsweise in den Vereinigten Staaten sind die Wählerbewegungen nicht erstarrt. Die CDU hat vierzehn Direktmandate von der AfD zurückerobert und eines von der Linken. Selbst im letzten verbliebenen Wahlkreis der AfD lag der Gewinner nur ein Prozent vor seinem CDU-Konkurrenten. Die Kandidaten der AfD haben also nicht nur lokal wenig überzeugt. Die politischen Präferenzen sind auch noch nicht zu festen Identitäten geronnen, die gar keine andere Entscheidung mehr zulassen, weil damit ganze Lebenskonzepte fraglich würden. Nicht nur die ostdeutschen Wähler, aber besonders sie, sind über Legislaturperioden hinweg wenig festgelegt.

          Rätsel Wechselwähler

          Die soziologischen Überlegungen, die es zu Wechselwählern gibt, waren seit jeher gespalten. Den einen erschienen sie als politisch nur mäßig interessiert, ohne dezidierte Haltungen und leicht beeinflussbar. Für andere Forscher galt umgekehrt, dass Wechselwähler stets aufs Neue nachdenken und auch nicht geneigt sind, die Unterschiede zwischen den Parteien zu übertreiben. Die Stammwähler haben demgegenüber hohe Toleranzen im Bereich politischer Entscheidungen für sich. Sie überschätzen den Mitteilungsgehalt eines Parteiwechsels nicht.

          Wer hier wählerpsychologisch recht behält, ist womöglich weniger wichtig als die Wirkungen, die es hat, wenn Parteien mit Wechselwählern rechnen müssen. Denn idealtypisch gesprochen steht jede Partei vor zwei Möglichkeiten: Konkurrenz mit anderen Parteien um Wähler, die sich noch nicht entschieden haben, oder Pflege der eigenen Klientel durch Abspielen immer derselben Melodien. Im Extremfall letzterer Option, des Traums des Populismus, der durch die Vereinigten Staaten veranschaulicht wird, stehen sich zuletzt Fan-Blöcke gegenüber. Das ist Polarisierung und nicht, wie unter anderem die Linke das Ergebnis von Sachsen-Anhalt analysiert, dass sich alles auf den Zweikampf zwischen CDU und AfD konzentriert hat. Denn dann sind vielleicht Linke und Rechte polarisiert, aber ihre Wähler nicht.

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