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Vorwürfe gegen Dieter Wedel : „Das Thema hat Priorität“

  • -Aktualisiert am

Am Pranger: Ehemalige Schauspielerinnen beschuldigen den Regisseur Dieter Wedel, sie sexuell bedrängt zu haben. Bild: Michael Kretzer

Was folgt aus den „Me Too“-Vorwürfen gegen Dieter Wedel? Der stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbands Schauspiel, Hans-Werner Meyer, sagt, was in der Branche los ist.

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          Herr Meyer, Sie haben einen guten Überblick: Ist die deutsche Film- und Fernsehbranche nach den Vorwürfen gegen Dieter Wedel in Aufruhr?

          Na ja, in Deutschland ist alles immer ein wenig moderater. Deshalb würde ich nicht von Aufruhr sprechen. Aber wir haben da durchaus ein enormes Problem. Ich hoffe allerdings, dass diese Verhaltensweisen bald der Vergangenheit angehören. Es gibt sicher immer noch Übergriffe und wird sie vermutlich immer geben, aber es gab eine Zeit, in der das viel akzeptierter war. Da hat ein überfälliger Kulturwandel stattgefunden.

          Der hat bereits stattgefunden?

          In den Köpfen jedenfalls hat er schon begonnen und damit hoffentlich das Ende entsprechender Verhaltensweisen, zumindest in solchem Umfang, eingeleitet. Das ist ja auch eine Generationenfrage: Junge Regisseure und Produzenten haben meiner Erfahrung nach einen anderen Umgang mit dem Thema Sexismus und sexueller Missbrauch. Man muss aber dranbleiben. Der BFFS möchte daher zusammen mit vielen Partnerverbänden nicht nur eine Beschwerdestelle für Betroffene von sexistisch übergriffigem Verhalten, Diskriminierung, Mobbing und Rassismus einrichten, sondern auch einen Verhaltenskodex für unsere Branche entwickeln.

          Ist es nicht naiv, zu glauben, eine Handlungsempfehlung bekehre Übergriffige?

          Man muss dazu wissen, dass der Umgang in unserem Beruf emotionaler und physischer ist als etwa in einem Büro. Und: Als Schauspieler ist man ständig in einer Bewerbungsposition, in der man beurteilt wird. Dazu zählt eben auch die Bereitschaft, sich in emotionale Extreme zu begeben, und unter Umständen "Sexyness".

          Der BFFS möchte eine Beschwerdestelle für Betroffene und einen
Verhaltenskodex für die Branche schaffen, sagt Hans-Werner Meyer.

          Da hätte ein Regisseur oder Produzent aber den Beruf verfehlt, wenn er Rolle und Person nicht trennen könnte.

          Grenzüberschreitung gehört bei uns aber eben auch zum Beruf. Da entsteht Unsicherheit in Bezug auf den Regelbruch. Eine konkrete Handreichung ist deshalb schon sinnvoll. Kann etwa erwartet werden, dass man sich beim Casting auszieht? Wie ist es, wenn es etwa um eine Rolle mit Nacktszenen geht? Der Kodex könnte zudem vorschreiben, dass ein Casting immer unter mindestens sechs Augen stattfinden muss. Ein Privatcasting, wie es gerade Herrn Wedel vorgeworfen wird, das dann Möglichkeit zum Missbrauch bietet, wäre damit ausgeschlossen.

          Der BFFS ist federführend bei der Einrichtung jener überbetrieblichen Beschwerdestelle, die auch die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders, jüngst gefordert hat. Wie weit sind die Pläne gediehen?

          Das Thema hat nun Priorität. Alle relevanten Verbände inklusive der Produzentenallianz wollen sich beteiligen. Die Stelle wird interessenunabhängig sein und sich in Aufbau und Funktionsweise an den Vorgaben für betriebliche Beschwerdestellen orientieren, wie sie von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gefordert werden und wie der Gesetzgeber es vorsieht, nur eben, dass sie überbetrieblich organisiert sein muss, weil die Fluktuation innerhalb der Produktionsgesellschaften in unserer Branche zu stark ist und auch die Firmen selbst kommen und gehen.

          Welchen Effekt erhoffen Sie sich?

          Es wird ein dreifacher Effekt sein: Die Existenz einer Beschwerdestelle wirkt abschreckend auf potentielle Täter, sie fungiert als Beratungsstelle für betroffene Personen und ist verpflichtet, einem gemeldeten Fall auf den Grund zu gehen, wodurch sichergestellt wird, dass er nicht versandet.

          Soll damit auch der gegenwärtigen Praxis von Beschuldigungen mittels Medienberichten, die häufig als Sensationsjournalismus kritisiert werden, der Boden entzogen werden?

          Ich hoffe das sehr. Das Interesse der Medien ist ja nicht, den Betroffenen zu helfen, sondern saftige Geschichten zu erzählen. Die "Me too"-Bewegung hatte die Funktion, einen Kulturwandel anzustoßen. Dafür war öffentlicher Druck und diese Masse an Bekenntnissen nötig. Das war auch ein Schutz für die vielen Personen, die sich zu Wort meldeten. Auf Dauer ist es aber natürlich nicht sinnvoll, das in die Öffentlichkeit zu tragen. Ziel kann ja nicht sein, tatsächliche und vermeintliche Täter öffentlich an den Pranger zu stellen, sondern Übergriffe zu verhindern, erfolgte Übergriffe aufzuklären und vor allem die Betroffenen zu schützen.

          Kann man sich auch anonym an die Stelle wenden?

          Wir sind ja gerade erst dabei, diese Stelle aufzubauen, darum kann ich eine solche Detailfrage nicht beantworten, aber laut § 84 Betriebsverfassungsgesetz dürfen dem Arbeitnehmer durch eine Meldung bei einer Beschwerdestelle keine Nachteile entstehen. Wenn es dafür also in unserer Branche notwendig sein sollte, eine solche Meldung anonym zu behandeln, wird das wohl möglich sein müssen.

          Gibt es nicht das Risiko, dass bewusst falsche Anschuldigungen erhoben werden?

          Die Beschwerdestelle muss der Sache auf den Grund gehen. Wie genau das passiert, müssen die entsprechenden Fachkräfte beantworten. Aber der Arbeitgeber ist auf jeden Fall verpflichtet, zu kooperieren. Am Ende steht dann die Ahndung der Verfehlung oder, sollte sich der Vorwurf als unbegründet erweisen, die Entlastung des zu Unrecht Beschuldigten.

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