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Gina Thomas (G.T.)

Gender-Deutsch in England : They macht sich selbst their Haare

  • -Aktualisiert am

Studenten ködern, indem man sich progressiv gibt? Das King’s College der Universität Cambridge. Bild: dpa

Die Universität Cambridge empfiehlt ihren Deutsch-Studenten, „gender- und nichtbinär-inklusive“ Anreden zu verwenden. Was dabei herauskommt, ist eine groteske Form von Filser-Englisch.

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          An englischen Schulen sind Fremdsprachen auf dem absteigenden Ast, seit die Labour-Regierung sie 2004 als Pflichtfach für die der mittleren Reife entsprechenden GCSE-Abschlüsse abgeschafft hat. Einem Be­richt der EU-Kommission von 2018 zufolge fühlten sich 91 Prozent der Deutschen zwischen fünfzehn und dreißig Jahren des Lesens und Schreibens in zwei oder mehr Sprachen sicher. In Frankreich lag die Zahl bei 79 Prozent. Der europäische Durchschnitt betrug achtzig Prozent. Großbritannien fiel mit nur 32 Prozent weit dahinter zurück.

          In diesem Jahr wurde in England bei den Absolventen der GCSE-Stufe im Deutschunterricht ein weiterer Rückgang von mehr als fünf Prozent auf knapp 35 000 Schüler registriert. Nur 2803 Prüflinge haben Deutsch als Abiturfach gewählt. Für die Hochschulen hat das verheerende Folgen. Viele von ihnen bieten Deutsch in­zwi­schen als Studienfach für Anfänger an, bloß um Plätze zu füllen.

          Wokeness als Marketingstrategie?

          Vor diesem Hintergrund meint die Universität Cambridge offenbar, Bewerber ködern zu können, indem sie sich als progressiv anpreist. Konservative Kulturkrieger erklären dies damit, dass Universitätsmanager zunehmend wie multinationale Konzerne agierten und im Wettbewerb mit amerikanischen Hochschulen Wokeness als Teil ihrer Marktstrategie einsetzten.

          Je­den­falls hält die Abteilung für Deutsch der Fakultät für moderne und mittelalterliche Sprachen es für nötig, ihre geschlechtergerechte Sprachpolitik hervorzuheben. Die Website verkündet unter dem Titel „Inklusive Sprache“, dass es im Unterricht und in Arbeitsblättern sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch Ziel sei, „gender- und nicht-binär-inklusive“ Anreden in Wort und Schrift zu verwenden.

          Es folgt ei­ne kleine Lektion im deutschen Um­gang mit den Geschlechterangaben, männlich, weiblich und divers, und den Hemmnissen, die grammatikalische Strukturen der Inklusivität in den Weg legten. Als Beispiel wird der Satz Angela Merkels angeführt, in dem sie das herkömmlich generische Maskulinum verwendet: „Das Volk ist jeder, der in diesem Land lebt.“ Deutsche Hörer würden die Absicht der maximalen Inklusivität erkennen, obwohl eine wachsende Zahl bestreiten würde, dass die ehemalige Bundeskanzlerin dieses Ziel auch erreicht habe, heißt es.

          Zur weiteren Information wird auf eine Reihe von Links zur deutschen Diskussion über das Gendern verwiesen, die „alle eine in­klu­sive Sprache als positives Ziel be­trach­ten“. Sie zeigen, zu welchen Verrenkungen dies führt, wenn, wie ei­ne der angeführten Quellen empfiehlt, auch im Deutschen das genderneutrale englische „they“ angewandt wird, wie in „They macht sich selbst their ­Haare.“ Will Cambridge etwa eine Generation von Filser-Englisch sprechenden Studenten heranbilden?

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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