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Radio gegen Internet : Wir müssen über das digitale Radio reden

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Die Umstellung von UKW auf DAB+ ist extrem teuer. Rund hundert Millionen Euro wurden seit 2011 investiert. Für den weiteren Ausbau soll die ARD in der Beitragsperiode von 2017 bis 2020 weitere 89,4 Millionen Euro ausgeben können und das Deutschlandradio 63,6 Millionen Euro. So steht es im 20. Bericht der Kef, der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (F.A.Z. vom 14. April). Die Gesamtkosten des Umstiegs schätzt die Kef bei einer Abschaltung von UKW im Jahr 2025 auf rund 585 Millionen Euro für ARD und Deutschlandradio.

Weitere rund fünfhundert Millionen Euro für den Parallelbetrieb Simulcast kämen für den privaten Rundfunk hinzu, schätzt Radio NRW, bei einem Parallelbetrieb über zehn Jahre. Wir reden also von Umstellungskosten von möglicherweise mehr als einer Milliarde Euro. Wirtschaftlich ist das nicht darstellbar. Die meisten privaten Rundfunkanbieter sehen kein Geschäftsmodell, das es ermöglichen würde, die Zusatzkosten eines Simulcast zu refinanzieren. Deshalb werden schon staatliche Hilfen für die privaten Anbieter gefordert. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk kann die Umstellung finanzieren, wenn die Beitragszahler ihm dafür Geld geben.

Die Automobilindustrie wird vermehrt Internet in Autos bringen

Die Kef tut sich aber erkennbar schwer damit, die von den Anstalten angemeldeten Mittel für den Ausbau anzuerkennen. Nicht nur für die Kef ist es eine berechtigte Frage, ob die Beitrags- und Steuerzahler mit einem Technologiewechsel belastet werden sollen, der an ihren wirklichen (Radio-)Bedürfnissen möglicherweise vorbeigeht.

Fraglich ist auch, wie stark das Interesse der Automobilindustrie an DAB+ ist. Diese Industrie wird die Digitalisierung der Kommunikation im Fahrzeug zweifellos vorantreiben. Aber warum sollten sie auf digitalen Rundfunk setzen? Vieles spricht dafür, dass auch die Automobilhersteller Geschäftsmodelle entwickeln, die auf individuell konfigurierbare Internetangebote setzen.

Da galt sein Wort noch in NRW: Die Wahl des ehemaligen Medienstaatssekretärs Marc Jan Eumann zum Landesmedienchef in Rheinland-Pfalz war rechtens, sagt das Verwaltungsgericht.

Schon heute haben praktisch alle Autobauer entsprechende Systeme im Angebot: Ford mit Sync, Opel mit OneStar, BMW mit ConnectedDrive, Mercedes mit Command-Online oder Volkswagen mit Car-Net. Damit wird schnelles Internet im Auto Alltag – auch wenn es den Nutzer Geld kostet. Spätestens wenn unsere Autos selbständig fahren und wir nicht nur die Hände, sondern auch den Kopf frei haben und den Blick von der Straße nehmen können, werden sich im Auto audiovisuelle Angebote durchsetzen. DAB+ bietet dafür keine Optionen. Die Automobilhersteller werden sich nicht die Freiheit nehmen lassen, das Internet ins Auto zu bringen, auch um detaillierte Verkehrsdaten zur Verfügung zu stellen. Dann ist das Radio nur noch eine Applikation unter vielen anderen, für die ein teurer Sonderweg keinen Sinn macht.

Veränderter Wettbewerb der Systeme

Häufig wird argumentiert, Europa habe sich auf das digitale Antennenradio verständigt und Deutschland könne nicht ausscheren. Schaut man allerdings genau hin, dann ist der Trend keineswegs eindeutig. Dänemark und die Schweiz sind relativ weit mit dem Ausbau von DAB+. Länder wie Frankreich oder Österreich hinken indes hinterher.

In Norwegen ist der geplante Wechsel zu DAB+ unvollständig und umstritten. Und manche Länder verabschieden sich komplett davon. Schweden hat sich Anfang Februar gegen DAB+ entschieden und folgt damit Finnland. Bislang hat kein europäisches Land – auch nicht das in vielerlei Hinsicht vorbildliche Großbritannien, wo der Geräteverkauf stagniert – den Nachweis erbracht, dass die digitale Terrestrik in dem Maße angenommen wird, dass eine Abschaltung von UKW in den nächsten fünf bis zehn Jahren realistisch ist. Nicht nur bei uns, auch in den anderen Ländern Europas gilt, dass das Internetradio den Wettbewerb der Systeme grundlegend verändert.

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