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Abstimmung am Sonntag : Die Wahl, die du nicht willst

  • -Aktualisiert am

Anhängerinnen der Kandidatin Julia Timoschenko in Kiew. Bild: EPA

Dialoge mit den Herausforderern gelten als Kapitulation – und die plumpe Behauptung, eine falsche Wahl führe geradewegs in die Apokalypse, hält sich beständig. Bei den ukrainischen Wahlen müssen die Wähler die Gegenwart retten.

          Ich habe an allen Wahlen in der neueren Geschichte der Ukraine teilgenommen. Als die Ukraine ihre Unabhängigkeit erklärte, wurde ich, wurde meine Generation gerade volljährig. Seit wir erwachsen sind, gehen wir wählen. Wir haben alle ukrainischen Präsidenten und alle Parlamente gewählt. Wir sollten auch die Verantwortung dafür tragen. Mit der eigenen Verantwortung tun sich die ukrainischen Wähler traditionell schwer, aber sie müssen an die Urne.

          Bei den ukrainischen Wahlen besteht das Problem seit eh und je darin, dass die Wähler bei ihrem Votum nicht über die Zukunft entscheiden können, sondern die Gegenwart retten müssen, die wiederum von der Vergangenheit abhängt. Vor allen Präsidenten- und Parlamentswahlen gerät das Leben in Aufruhr. Die Gesellschaft wird mit Propaganda vollgepumpt, die Wahlkampfstrategen scheuen keine Mittel, um Wähler zu mobilisieren. Jedes Mal steht die Gesellschaft vor der Spaltung. Eigentlich müssten die Leute das Muster schon kennen. Aber sie fallen immer wieder auf die plumpe Behauptung herein, eine falsche Wahl führe nicht einfach zu einem Machtwechsel, sondern geradewegs in die Apokalypse. Und für diese Apokalypse sei niemand verantwortlich als du selbst.

          Was bei uns irrational ist

          Die diesjährigen Präsidentenwahlen sind besonders paradox. Einerseits gewährt die Beteiligung von knapp vierzig Kandidaten, von Nationalisten bis zu Liberalen, von Verfechtern der EU-Integration bis zu solchen, deren Strategie sich aus postsowjetischer Nostalgie speist, eine große Auswahl und ein breites Spektrum. Andererseits zeigt die Analyse der Wahlkampfsituation, dass es für die Ukrainer wieder einmal nicht darum geht, für ein Zukunftsmodell zu stimmen, sondern einen Kompromiss zu machen, das kleinere Übel zu wählen. Ideale Kandidaten gibt es nie, aber in der ukrainischen Realpolitik wird die „Wahl aus Verzweiflung“ oder „die Wahl zwischen Pest und Cholera“ offenbar zu etwas Unausweichlichem. Die meisten Ukrainer spüren das. Deswegen sind die Wahlen in diesem Jahr von außergewöhnlicher Emotionalität und Irrationalität geprägt.

          Irrational sind zuallererst die hohen Umfragewerte des Schauspielers Wolodymyr Selenskyj, den diametral entgegengesetzte Gruppierungen wählen wollen. Das sind zum einen frühere Anhänger von Petro Poroschenko, die enttäuscht sind, weil der Präsident entscheidende Reformen – zumal was die ihn umgebenden Kader betrifft, von denen viele das alte System repräsentieren –, nicht durchgesetzt und den russisch-ukrainischen Krieg nicht beendet hat. Zum anderen sind es frühere Anhänger von Viktor Janukowitsch, denen Selenskyjs Haltung in der Sprachfrage imponiert – Selenskyj ist praktisch russischsprachig – sowie seine Bereitschaft, auf den russischen Präsidenten zuzugehen.

          Logische Argumente gegen Selenskyj nützen ihm eher

          Für Selenskyj zu stimmen ist eine Protestwahl: Das Misstrauen der Gesellschaft gegen den amtierenden Präsidenten und seine Regierung könnte kaum größer sein, was auch an objektiven Fehlern der Machthaber liegt und ihrer Weigerung, zu Vorwürfen der Gesellschaft, insbesondere über Korruption, Stellung zu nehmen. Diese Situation bringt die enttäuschten Anhänger des Euromajdan und der Reformen mit den nach Revanche lechzenden Anhängern des „Russischen Frühlings“ zusammen.

          Logische Argumente gegen Selenskyj nützen ihm eher. Seine Anhänger empfinden Angriffe auf ihn als persönliche Beleidigung und als Eingriff in ihre Entscheidungsfreiheit. Selenskyj gilt ihnen als Mann von außen, der nicht zum etablierten Politbetrieb gehört, nicht in ihn verstrickt ist. Den Anhängern des jetzigen Präsidenten – Journalisten, Politikern, aber auch einfachen Wählern – fällt wiederum nichts Besseres ein, als die Schuld für Poroschenkos schwache Umfragewerte bei seinen Gegnern zu suchen.

          Poroschenkos Unterstützer geben allen möglichen politischen Kräften die Schuld an diesen schlechten Werten: Putin, dem Kreml, den Separatisten, der fünften Kolonne, den abgestumpften postsowjetischen „Watniks“ (der Ausdruck leitet sich von den billigen Wattejacken dieses Prekariats her und ist zugleich eine Metapher für „watteartige“ Dumpfheit), den Liberalen, den Nationalisten (die ihre eigenen Interessen verfolgen, die keiner versteht, der nicht selbst Nationalist ist) – mit einem Wort: schuld ist jeder außer dem Amtsinhaber. Die Unterstützer aller anderen Kandidaten werden von den Anhängern des Präsidenten im harmlosesten Fall als Vaterlandsfeinde bezeichnet, Selenskyjs Gefolgsleuten wirft man mangelnden Patriotismus, vor allem aber mangelnde geistige Fähigkeiten vor. Bei solchen Anschuldigungen kann natürlich kein vernünftiges Gespräch entstehen.

          Ein Gespräch mit dem Gegner gilt als Ausdruck von Schwäche

          Tatsächlich betrachte ich es als den größten Schaden der Ukraine in den letzten fünf Jahren, dass ein Gespräch, in dem die Kontrahenten ihre Positionen vorbringen und davon ausgehend über eine gemeinsame Zukunft aller sprechen, derzeit absolut unmöglich ist. Ein Gespräch mit dem Gegner gilt als Ausdruck von Schwäche.

          Der größte Fehler der Anhänger der derzeitigen Machthaber ist meiner Meinung, dass sie nicht bereit sind, sich mit den Staatslenkern kritisch auseinanderzusetzen. Als jemand, der seit nunmehr fünf Jahren mit der neuen, postrevolutionären ukrainischen Obrigkeit zusammen arbeitet, habe ich ständig mit diesem Problem zu tun. Ich sehe einerseits positive Ergebnisse der Arbeit in Kiew, besonders wenn ich mit unseren gemeinnützigen Projekten im von den Separatisten befreiten Teil des Donbass unterwegs bin: sanierte Schulen, Kulturhäuser, Kindergärten, Reformen im Bildungs- und Gesundheitswesen, die wirklich revolutionäre Dezentralisierung, wodurch viele Haushaltsmittel in den Regionen verbleiben. Und dann stoße ich auf diese meiner Meinung nach absolut fatale Weigerung der „proeuropäischen“ Machthaber in Kiew, mit den Wählern in der Ostukraine in Dialog zu treten, um für sie zu kämpfen. Sie überlassen dieses Feld prorussischen Politikern. Aus dem einfachen Grund, weil der Wille zum Dialog unter den gegenwärtigen Bedingungen einer Kapitulation gleichkäme.

          Dabei vergessen die ukrainische Machthaber und ihre Unterstützer einen wichtigen Punkt: 2014 stimmten viele Ukrainer für den amtierenden Präsidenten, weil ein Kompromiss gefunden werden musste, weil sie ihn unter den damaligen Bedingungen für am besten geeignet hielten. Heute ist das Land ein anderes, die proeuropäische Ausrichtung hat sich konsolidiert, die Menschen verlangen mehr von Politikern, als diese geben können. Auch Poroschenko, der erste proeuopäische, nicht von Russland abhängige Politiker, ist ein anderer. Was seine Unterstützer ignorieren und ihm damit einen Bärendienst erweisen.

          Viele entscheiden sich aus Antipathie

          Auch die Anhänger einer weiteren aussichtsreichen Kandidatin, Julija Timoschenko, folgen der Logik einer Protestwahl: Unsere Kandidatin wird, so sagen sie, wenn sie gewinnt, die Fehler der jetzigen Machthaber beseitigen, der Untätigkeit zumal in Sachen Korruptionsbekämpfung ein Ende setzen. Dabei ist für viele die Antipathie gegen Poroschenko zentral. Allerdings kann Timoschenko kaum als Kandidatin von außen gelten. Sie spielte während der letzten zwanzig Jahre eine bedeutende Rolle auf der politischen Bühne der Ukraine, kennt die Spielregeln, versteht es, die Stimmungen in der Öffentlichkeit zu manipulieren. Für mich persönlich sind die Motive von Timoschenkos Anhängern am wenigsten plausibel.

          Ich kann den Wunsch eines Teils meiner Landsleute nachvollziehen, das ukrainische Reformprojekt in der heutigen Form zu konservieren, obwohl es wenig flexibel ist, zu unentschlossen und befangen in der Zusammenarbeit mit überkommenen politischen Kräften. Denn dafür ist es dezidiert patriotisch und europäisch (also antirussländisch) ausgerichtet. Ebenso verstehe ich die Interessen und die Logik von Selenskyjs Wählern, die ihre Stimme nicht einem Vertreter des gegenwärtigen politischen Systems geben wollen, das sie weniger mit echten Reformen als mit grassierender Korruption verbinden.

          Die Situation sieht nicht besonders erfreulich und erfolgversprechend aus. Doch das Problem mit den ukrainischen Wahlen lässt sich nicht auf den führenden Platz eines Schauspielers in den Umfragen reduzieren. Es liegt tiefer und betrifft die ukrainische Gesellschaft. Wir alle haben, zumal infolge von sechs Jahren Krieg, mehr als genug traumatische Erfahrungen gemacht, davon ist die Gesellschaft gezeichnet. In unseren Schränken hängen mehr als genug Skelette. Vor den Wahlen ist ein Krieg der „Kompromate“, kompromittierender Dossiers gegen sämtliche Kandidaten ausgebrochen. Zwar sind nicht alle diese Informationen vertrauenswürdig, doch sie heizen die Stimmung auf. Das Schlimmste ist, dass sich viele von uns Ukrainern mit diesen Skeletten ganz gut arrangiert haben. Sie grüßen sie, fühlen sich durch sie beleidigt. Und sie geben ihnen schließlich ihre Stimme.

          Serhij Zhadan, geboren 1974, ist Schriftsteller. Zuletzt erschien sein Roman „Internat“ (Suhrkamp). Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe.

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