https://www.faz.net/-gqz-9lefd

Abstimmung am Sonntag : Die Wahl, die du nicht willst

  • -Aktualisiert am

Logische Argumente gegen Selenskyj nützen ihm eher

Für Selenskyj zu stimmen ist eine Protestwahl: Das Misstrauen der Gesellschaft gegen den amtierenden Präsidenten und seine Regierung könnte kaum größer sein, was auch an objektiven Fehlern der Machthaber liegt und ihrer Weigerung, zu Vorwürfen der Gesellschaft, insbesondere über Korruption, Stellung zu nehmen. Diese Situation bringt die enttäuschten Anhänger des Euromajdan und der Reformen mit den nach Revanche lechzenden Anhängern des „Russischen Frühlings“ zusammen.

Logische Argumente gegen Selenskyj nützen ihm eher. Seine Anhänger empfinden Angriffe auf ihn als persönliche Beleidigung und als Eingriff in ihre Entscheidungsfreiheit. Selenskyj gilt ihnen als Mann von außen, der nicht zum etablierten Politbetrieb gehört, nicht in ihn verstrickt ist. Den Anhängern des jetzigen Präsidenten – Journalisten, Politikern, aber auch einfachen Wählern – fällt wiederum nichts Besseres ein, als die Schuld für Poroschenkos schwache Umfragewerte bei seinen Gegnern zu suchen.

Poroschenkos Unterstützer geben allen möglichen politischen Kräften die Schuld an diesen schlechten Werten: Putin, dem Kreml, den Separatisten, der fünften Kolonne, den abgestumpften postsowjetischen „Watniks“ (der Ausdruck leitet sich von den billigen Wattejacken dieses Prekariats her und ist zugleich eine Metapher für „watteartige“ Dumpfheit), den Liberalen, den Nationalisten (die ihre eigenen Interessen verfolgen, die keiner versteht, der nicht selbst Nationalist ist) – mit einem Wort: schuld ist jeder außer dem Amtsinhaber. Die Unterstützer aller anderen Kandidaten werden von den Anhängern des Präsidenten im harmlosesten Fall als Vaterlandsfeinde bezeichnet, Selenskyjs Gefolgsleuten wirft man mangelnden Patriotismus, vor allem aber mangelnde geistige Fähigkeiten vor. Bei solchen Anschuldigungen kann natürlich kein vernünftiges Gespräch entstehen.

Ein Gespräch mit dem Gegner gilt als Ausdruck von Schwäche

Tatsächlich betrachte ich es als den größten Schaden der Ukraine in den letzten fünf Jahren, dass ein Gespräch, in dem die Kontrahenten ihre Positionen vorbringen und davon ausgehend über eine gemeinsame Zukunft aller sprechen, derzeit absolut unmöglich ist. Ein Gespräch mit dem Gegner gilt als Ausdruck von Schwäche.

Der größte Fehler der Anhänger der derzeitigen Machthaber ist meiner Meinung, dass sie nicht bereit sind, sich mit den Staatslenkern kritisch auseinanderzusetzen. Als jemand, der seit nunmehr fünf Jahren mit der neuen, postrevolutionären ukrainischen Obrigkeit zusammen arbeitet, habe ich ständig mit diesem Problem zu tun. Ich sehe einerseits positive Ergebnisse der Arbeit in Kiew, besonders wenn ich mit unseren gemeinnützigen Projekten im von den Separatisten befreiten Teil des Donbass unterwegs bin: sanierte Schulen, Kulturhäuser, Kindergärten, Reformen im Bildungs- und Gesundheitswesen, die wirklich revolutionäre Dezentralisierung, wodurch viele Haushaltsmittel in den Regionen verbleiben. Und dann stoße ich auf diese meiner Meinung nach absolut fatale Weigerung der „proeuropäischen“ Machthaber in Kiew, mit den Wählern in der Ostukraine in Dialog zu treten, um für sie zu kämpfen. Sie überlassen dieses Feld prorussischen Politikern. Aus dem einfachen Grund, weil der Wille zum Dialog unter den gegenwärtigen Bedingungen einer Kapitulation gleichkäme.

Weitere Themen

Sorge vor Eskalationsspirale in Nahost

F.A.Z. Frühdenker : Sorge vor Eskalationsspirale in Nahost

Nach Raketenangriffen auf Jerusalem bombardiert Israel den Gazastreifen. In Deutschland verzeichnet die Polizei mehr Opfer häuslicher Gewalt. Und Jens Spahn warnt vor Übermut in der Corona-Krise. Der F.A.Z.-Newsletter für Deutschland.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.