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Kommentar  : Die schreckliche Prüfung

Französische Polizisten vor dem Stade de France, vor dem es zu mehreren Detonationen kam. Bild: Reuters

Die Attentäter von Paris haben im Kalender des Terrors ein neues Datum gesetzt. Der 13. November 2015 ist der Tag, an dem – mutmaßlich islamistische – Terroristen Frankreichs Hauptstadt in ein Kriegsgebiet verwandelten.

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          Die Anschläge in Paris markieren ein neues Datum des Terrors. Einen weiteren Tag, mit dem sich ein Massenmord verbindet, dessen Täter wissen, was sie wollen: Möglichst viele Menschen töten und möglichst vielen vor Augen führen, wozu sie in der Lage sind. Darauf lautete das Kalkül der islamistischen Attentäter vom 11. September 2001, die das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington angriffen und mehr als dreitausend Menschen ermordeten. Und darauf hatten es auch die Attentäter von Paris abgesehen, die an sieben Orten der Stadt Anschläge verübten und Menschen in dreistelliger Zahl ermordeten, mit Handfeuerwaffen und mit Bomben.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Sie haben die französische Hauptstadt in ein Kriegsgebiet verwandelt. Sie haben hunderte Menschen in dem Konzertsaal Bataclan zu Geiseln genommen und Millionen Menschen vor den Fernsehbildschirmen in ihren Bann gezwungen, die sich auf das Freundschaftsspiel zwischen der deutschen und der französischen Fußballnationalmannschaft gefreut hatten. Diese sahen und hörten etwas ganz anderes: eine Liveübertragung des – mutmaßlich abermals islamistischen – Terrors, der auf die gesamte freie Welt und auf alle Menschen zielt, die ihr zugehörig sind und frei leben wollen. Jeder ist ein Ziel dieser Terroristen, jeder kann ihr Opfer werden, sie schonen niemanden, man ist nirgends vor ihnen sicher. Das wollen die Täter mit jedem Anschlag aufs Neue beweisen.

          Liveübertragung des Terrors

          Der Sport, der für viele den Anlass bot, an diesem Abend nach Paris zu schauen, war von der sechzehnten oder zwanzigsten Minute des Fußballspiels an, in der die Detonationen in der Nähe des Stade de France zu hören waren, Nebensache. Tom Bartels, dem Fernsehreporter der ARD, die das Spiel übertrug, ging das bald auf. Von Minute zu Minute ging es in seinen Kommentaren immer weniger um den Fußball und immer mehr um die Frage, was sich rund um das Stadion ereignete.

          Die Gespräche der Experten in der Halbzeitpause und nach dem Spiel mussten hilflos wirken. Keiner wollte von seiner eigenen Befindlichkeit sprechen oder andere danach fragen, und dann taten es viele doch – mit Berechtigung. Denn sie befanden sich mit einem Mal inmitten eines Konflikts, der sonst weit weg erscheint. Jetzt wussten sie nicht einmal, wann und wie sie das Stadion verlassen konnten und ob es draußen überhaupt sicher war. Es ging ihnen nicht anders als den Fußballfans im Stadion, die übers Spielfeld liefen, weil sie die Spielstätte nur an ganz bestimmten Stellen verlassen konnten.

          Detonationen und Schreie

          Die ARD spielte die Detonation wieder und wieder ein, der amerikanische Sender CNN zeigte wieder und wieder Aufnahmen, die von einer Geisel aus dem Bataclan-Konzertsaal aufgenommen worden sein sollen. Sie zeigten schwer verletzte Menschen, ihre Schreie waren zu hören, wieder und wieder. Terror heißt Schrecken, sagte der ZDF-Korrespondent Theo Koll. Und wenn das kein Terror sei, was dann? Es sei durchaus vorstellbar, dass es sich hier um einen Racheakt des IS handele. Ausgeführt an dem Tag, der mit der Nachricht vom wahrscheinlichen Tod des sich mit seinen Morden an Geiseln vor der Kamera brüstenden IS-Hinrichters „Dschihadi John“ begonnen hatte.

          Die Hinrichtung wehrloser Menschen fand an diesem Tag in Paris statt, vierzehn Jahre nach den Attentaten von Al Qaida in den Vereinigten Staaten, zehn Monate nach dem Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt in Paris, und wenige Monate, bevor die Fußball-Europameisterschaft in Frankreich beginnt. Die Bomben gingen vor einem Stadion hoch, in dem sich achtzigtausend Menschen befanden, unter ihnen der französische Präsident und der deutsche Außenminister: Das sollte eine Machtdemonstration des Terrors sein.

          Ob sie gelingt, das hängt von der Reaktion der Gesellschaften ab, denen der IS und andere Terrorgruppen den Vernichtungskampf angesagt haben. Kurz nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ hieß es überall „Je suis Charlie“. Das war ein gutes Zeichen. Jetzt boten Bewohner aus Paris gestrandeten Fußballfans, etwa den Besuchern aus Deutschland, Obdach an. Unter dem Twitter-Hashtag „porteouverte“ (offene Tür) wurde es publik gemacht. Die Tür muss jeden Tag offen sein, jeden Tag muss die Losung „Je suis Charlie“ lauten. Und sie darf kein Lippenbekenntnis sein. Denn der „offene Krieg“, von dem „Le Figaro“ am Tag nach dem 13. November titelt, ist nicht nur deswegen noch nicht vorbei, weil einige der Täter von Paris wohl untergetaucht und angeblich auf der Flucht sind, wie französische Fernsehsender berichteten. Er dauert an, solange diese Täter den Krieg in ihren Köpfen haben.

          Von „der schrecklichen Prüfung“ sprach der französische Staatspräsident François Hollande. Diese wird noch lange andauern. Und nicht nur Frankreich muss sie bestehen.

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