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Moskau bereitet sich vor : Etwas Schreckliches, etwas Blutiges zieht heran

  • -Aktualisiert am

Befürworter der Besetzung der Krim holen die Weltkriegsuniformen und -banner aus dem Theaterfundus, Gegner des Feldzugs werden als „Clowns“ beschimpft Bild: AP

In der Ukraine würden orthodoxe Kirchen zerstört und Russischsprechende herabgesetzt, wird in Russland verbreitet: Wie man sich in Moskau auf das Kommende vorbereitet - was auch immer das sein mag.

          Auf der Krim errichten russische Truppen Schützengräben. Die Machtstrukturen der Krim wollen, mit den Maschinengewehrläufen im Rücken, schnellstmöglich Teil von Russland werden. Putins Zustimmungsquote schlägt alle Rekorde. Vor der Besetzung der Krim waren 27 Prozent der russischen Bevölkerung mit ihrem Präsidenten zufrieden, jetzt sind es 67 Prozent.

          Nach langen Jahren der Erniedrigung wollen alle einen „kleinen, siegreichen Krieg“. Alle wittern die Möglichkeit einer Revanche für 1991. Frappierend, wie sehr sogar die Jugend von imperialen Ambitionen infiziert ist. „Putin ist ein super Typ!“ war das Erste, was ich auf dem Moskauer Bahnhof hörte. „Sewastopol ist eine russische Stadt. Die Krim soll uns gehören.“

          „Die Gehirnwäsche ist total“

          Dauernd hört man: Putin, Autokratie ... Doch eine Autokratie existiert nicht im luftleeren Raum. Man muss vom kollektiven Putin reden. Für den Einmarsch in ukrainisches Territorium stimmten ausnahmslos alle Dumaabgeordneten. Das Fernsehen und die Zeitungen begannen gehorsam einen Informationskrieg gegen die neuen Machthaber in Kiew.

          Ein Nazi-Umsturz habe stattgefunden, in Kiew seien Faschisten an der Macht, an der Grenze der Westukraine würden sich Hunderttausende Flüchtlinge sammeln, überall würden Juden verfolgt und orthodoxe Kirchen zerstört. Russisch zu sprechen sei verboten, Russischsprechende seien Menschen zweiter Klasse. Das hören Russlands Fernsehzuschauer den ganzen Tag. Die Gehirnwäsche ist total.

          Die westukrainische Stadt Lwiw sprach einen Tag lang nur Russisch, um zu demonstrieren, dass die Wahrheit das erste Kriegsopfer ist.

          Die Spaltung der russischen Gesellschaft ist allgegenwärtig - im Internet, bei der Arbeit, in der Familie, auf der Straße. Die Krim ist das Reizthema. Bis zum 18. Jahrhundert war sie tatarisch, vom 18. bis zum 20. Jahrhundert russisch.

          Deswegen gehört die Krim „uns“, dass Chruschtschow sie im Suff „uns“ wegnahm und der Ukraine zum Geschenk machte, war ungerecht. So viele Russen liegen dort begraben! Die Meinungen polarisieren sich von „Wir müssen unsere Brüder retten!“ bis „Man sollte ein paar Atombomben auf die Ukrainer werfen!“

          „Dann geht doch nach Israel!“

          Unweit vom Roten Platz bot sich mir folgende Szene: Zwei junge Leute standen da mit einem Plakat, worauf geschrieben stand: „Passant! Wie viele Kinder, Brüder, Nachbarn willst du begraben, damit die Krim ein Teil von Russland wird?“ Ich musste zusehen, wie die beiden als Faschisten beschimpft wurden, als Anhänger des radikalen Nationalistenführers Stepan Bandera, als Sklaven Amerikas. Es hagelte die gröbsten Flüche.

          Alte Frauen spuckten sie an, zerrissen ihr Plakat. Passanten schrien: „Sewastopol ist eine russische Stadt!“ und „Wenn euch Russland nicht gefällt, geht doch nach Israel!“ und „Wenn Russland die Krim nicht einnimmt, tun das die Amerikaner!“ Ein paar Männer mit offenen Fellmänteln und riesigen Kreuzen auf der Brust holten die Sonderpolizei und sagten: „Nehmt diese Clowns mit auf die Wache, sonst lynchen wir sie noch.“

          Ein Polizeitransporter fuhr vor und nahm die jungen Leute mit. Die Frauen wollten zu Protokoll geben, dass sie mit Flüchen um sich geworfen und alte Leute geschlagen hätten. Putin setzte auf die niederen Instinkte und gewann. Selbst wenn es ihn morgen nicht mehr geben sollte, so bleiben wir doch immer noch die Gleichen.

          Nur ein paar tausend Menschen beim Antikriegsmarsch

          Ich war auf zwei Demonstrationen, einer für und einer gegen den Krieg. Zur Demo für den Sieg auf der Krim versammelten sich 20 000 Leute mit Plakaten wie: „Der russische Geist ist unbesiegbar!“, „Wir überlassen die Ukraine nicht Amerika!“ oder „Ukraine, Freiheit, Putin“. Es wurde gebetet, Priester standen herum, Banner wurden getragen, pathetische Reden gehalten, es war sehr archaisch.

          Ein Redner verkündete: „Die russischen Truppen haben alle strategischen Objekte eingenommen. Die Selbstverwaltungsorgane sind blockiert, die ukrainischen Truppenstützpunkte ebenso. Bahnhöfe, Flughäfen, Kommunikationsknotenpunkte sind unter Kontrolle.“ Es folgte wilder Applaus. Doch die Gesichter waren voller Wut und Hass. Wie passt das zur guten Kleidung, zu den modernen Autos, Cafés und Urlaubsreisen nach Miami oder Italien?

          Der Antikriegsmarsch bestand nur aus ein paar tausend Menschen. Sie skandierten: „Die Welt braucht Frieden! Sag nein zum Krieg!“ „Idioten!“, schrien ihnen Passanten zu. „Feinde Russlands! Wollt ihr einen Nato-Stützpunkt auf der Krim?“ Bei zwei Kerlen, die neben mir standen, waren die Augen blutunterlaufen.

          Russische Handschrift

          Oft denke ich an die Dokumentaraufnahmen vom Einmarsch der russischen Truppen auf der Krim: Kolonnen von Militärlastern, Zugmaschinen, gepanzerten Personentransportern. Auf den offenen Luken saßen Soldaten, die Kassettenrecorder dröhnten mit voller Lautstärke, es ertönte ein russisches Lied: „Heute ist ein Festtag! Heute ist ein Festtag!“ Diese Jungs aus Rjasan, aus Twer, aus Sibirien hatten nicht das Geld, als Tourist auf die Krim zu fahren, also kamen sie im Panzerwagen.

          Ich habe das schon einmal gesehen, im sowjetrussischen Krieg in Afghanistan. Die gleichen Lügen, die gleiche Ungerührtheit der Diktatoren: „Auf Bitten der Regierung Afghanistans ... wurde ein begrenztes Kontingent der Sowjetarmee verlegt ... Unsere Truppen marschierten in Afghanistan ein, damit die Amerikaner ihnen nicht zuvorkommen ... Unsere Grenzen sind gesichert.“ Nach Jahrzehnten wieder das gleiche Szenario. Das ist die russische Handschrift. Wie in Abchasien, Georgien.

          Angst, Wut, Galgenhumor

          Etwas Schreckliches und Blutiges zieht heran. Mein Vater war Weißrusse, meine Mutter Ukrainerin. Das ist bei vielen so. Dreihundert Jahre lebten wir in einem Land. Alles hat sich vermischt, die Familien, die Kulturen. Den Ersten und den Zweiten Weltkrieg haben wir zusammen durchgemacht. Das Schlimmste, was man sich vorstellen kann, wäre ein Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Ein solcher Krieg wird niemanden schonen, Sieger wird es nicht geben.

          Ukrainische Verwandte habe ich sowohl im Westen, im Gebiet Iwano-Frankowsk, als auch im Osten, im Gebiet Winniza. Die aus dem Osten schreiben: „Bei uns gab es einen Staatsstreich. Bandera ist wieder ein Held. Wir haben vor allem Angst, dass Bandera-Leute kommen.“ Und die aus Iwano-Frankiwsk schreiben: „Wir haben Angst vor Putin.“

          Heute schrieben mir Freunde, dass bei ihnen in der Ukraine die allgemeine Mobilmachung begonnen hat. Über den Kiewer Kreschtschatik ziehen Leute in Tarnuniform mit schutzverpackten Feuerwaffen. Feldtrommeln werden gerührt. Jemand fragt: „Wohin des Wegs?“ Die Antwort lautet: „Hackfleisch machen aus den Moskowitern, wegen der Krim“.

          Schrecklich! Wer versteht das? Es ist wie bei Tolstoi: Niemand will diesen Krieg, aber er rückt näher. Selbst in dieser Lage können die Ukrainer lachen. Sie erzählen sich Witze wie diesen: Janukowitsch wird gefragt: Wieso ist Putin über die Ukraine hergefallen? Er sagt: Ich hab ihn darum gebeten. Und wie kamen Sie zu so einer Bitte? Antwort: Er hat mich darum gebeten.

          Diese Hoffnung ist begraben

          Der ehemalige KGB-Oberst schmeichelt sich mit dem Gedanken, dass er als „Sammler der russischen Lande“ in die Geschichte eingehen wird. Für ihn ist Kiew die „Mutter der russischen Städte“. Im Kreml halten einige auch Charkiw und Donezk für russische Gebiete. Die Bewohner der Krim hätten auch ohne Aufforderung aus Moskau über eine Rückkehr in den russischen Staat abstimmen können, die Russen stellen dort die Mehrheit dar.

          Aber der Kreml spielt gern mit den Muskeln. Um Angst und Schrecken zu verbreiten. Die im Kreml können einfach nicht glauben, dass in Kiew kein Nazi-Umsturz stattfand, sondern eine Volksrevolution. Eine legitime. Die Ukrainer haben die Residenzen gesehen, die diese Herren fluchtartig zurückließen, mit ihren goldenen Toilettenschüsseln.

          Wie die Nomenklatura der Sowjetzeit glaubten diese, Machthabern sei alles erlaubt, sie seien der Gesellschaft keine Rechenschaft schuldig. Die Menschen haben sich aber im Verlauf von zwanzig Jahren verändert. Der erste Majdan brachte den zweiten Majdan hervor. Die Menschen machten eine zweite Revolution, jetzt kommt es darauf an, dass die Politiker sie nicht wieder verspielen.

          Nicht weit von meinem Haus in Minsk steht ein Denkmal für den ukrainischen Volksepiker Taras Schewtschenko. Jeden Morgen sehe ich, dass das Denkmal mit Blumen übersät ist, Gedenkkerzen brennen. In den ersten Tagen wurden diejenigen, die dorthin kamen, aufs Polizeirevier verfrachtet, die Beamten setzten Protokolle auf. Damals waren es Dutzende. Inzwischen kommen Hunderte. Die Polizei kann nicht alle verhaften, deswegen kommt morgens ein Wagen und verhaftet die Blumen. Aber ich weiß, morgen liegen wieder Blumen da.

          Putin hat meine Hoffnung begraben, die Hoffnung der neunziger Jahre auf ein europäisches Russland. Wir müssen die Ukrainer beneiden.

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