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Die SPD im Taumel : Die Surrealistische Partei Deutschlands

  • -Aktualisiert am

Augen zu und weiter: Die SPD macht Politik Bild: ddp

Die SPD versucht, noch die größten Eklats als Normalität zu verkaufen. Wir machen immer wieder mit. Ist das noch Politik oder ist es schon Wahn? Ein Kommentar von Nils Minkmar.

          4 Min.

          Der belgische Maler René Magritte hat einmal ein kleines Experiment gewagt. Seine Frau war mit einer Freundin in der Stadt, da klingelte, leicht verfrüht, der Ehemann besagter Freundin, um sie abzuholen. Magritte bat den ihm unbekannten Herrn hinein, und bevor sie beide den Salon erreicht hatten, nahm er Anlauf und versetzte seinem ahnungslosen Gast plötzlich einen ordentlichen Tritt. Der ging weiter, beide nahmen Platz und tranken Tee, ohne den Vorfall je anzusprechen.

          Die SPD hat von Magritte gelernt: Noch jeder Eklat wird in kürzester Zeit zur Normalität erklärt. Auch wenn morgen eine Horde Orang-Utans das Willy- Brandt-Haus kaperte, würde sich Generalsekretär Heil schon am Mittag auf die „Herausforderung“ freuen, mit Menschenaffen Politik zu gestalten. Schon lange wusste man als Zuschauer des großen sozialdemokratischen Sozialexperiments, dass man etwas ganz anderes sieht als das, was angeblich gezeigt wird. Als Müntefering nach der Auseinandersetzung um die Rente mit siebenundsechzig erklärte, das sei doch voll in Ordnung, dass man mal unterliege, klar werde er auch weiterhin gut mit Beck zusammenarbeiten, da sah man deutlich den Wunsch nach Revanche. Als der Hamburger Parteitag die neue und natürlich ewige Geschlossenheit demonstrierte, konnte man in den Fluren schon beobachten, wie die spin doctors der Stones gegen Beck arbeiteten. Und nicht nur bei dessen angeblich großer Parteitagsrede dachte man ständig: Sieben Fehler sind im Bild. Ceci n’est pas un Parteivorsitzender.

          Mit dem Latein am Ende

          Sicher wird es für jede dieser kognitiven Dissonanzen gute Gründe geben, womöglich sogar heilige, so genannte inhaltliche Gründe, die, noch heiliger, im Sinne der „Menschen“ und nicht etwa der Orang-Utans verfolgt werden müssen. Aber wer hat noch Lust, der SPD zuzuhören? Die uns, der Öffentlichkeit, zugedachte ewig unangekratzte Benutzeroberfläche ist abstoßend.

          Kann nicht wenigstens am Ende eines Sonntags, der damit begann, dass alle Genossen wie die Schäfchen brav und verlogen blökten, Beck und Steinmeier seien das ideale Tandem, und der damit endete, dass der eine dieser tollen Freunde den anderen der Intrige und Unzuverlässigkeit bezichtigte, mal einer vor die Kameras treten und erklären, jetzt sei man mit dem Latein am Ende? Diese dauernde Illusion, dass die neue Zeit bei jeder Entscheidung über die Parteiführung schon mitziehen werde, als wäre die Agenda 2010 die Rettung des Landes und ihre partielle Außerkraftsetzung aber auch, als wäre eine Ächtung der Linkspartei ebenso geboten wie die Zusammenarbeit mit ihr, diese Nummer nervt.

          Über alle Ränder hinaus

          Das ist keine Dialektik mehr, das ist bester Surrealismus. Spätestens seit dem Frühjahr, als Kurt Beck und Andrea Ypsilanti ihr Wahlversprechen bezüglich der hessischen Verhältnisse klar und deutlich gebrochen haben, wurde die SPD zur Tex-Avery-Partei und lief munter über den Rand des Canyons hinaus weiter ins Leere, monatelang. Gestern blickte sie dann mal nach unten, doch am rauchenden Einschlagloch mit den Umrissen Kurt Becks stehen nur lauter scheinbar unbeteiligte Kollegen.

          Schöne Genossen sind das, die nun mit feierlicher Miene dem Pfälzer dafür danken, dass er ... wofür auch immer. Warum kann man sich nach einem solchen Tag nicht auch einmal so vernehmen lassen: „Beck und ich, das ging gar nicht mehr. Wir hatten große inhaltliche Differenzen, dauernd gab es Krach, und meiner Meinung nach war er nach seinem Schwenk in Sachen Linkspartei schlicht nicht mehr tragbar“? Oder wenigstens sagen, man habe gerade auch keine Ahnung, wie es weitergehen soll?

          Die Müdigkeit der Sozialdemokratie

          Die Deutschen würden nicht anfangen zu weinen. Die Zeiten sind unübersichtlich, viele erwachsene Bürger haben sich schon mal getrennt, den Job gewechselt, sie vertragen die schlichte Wahrheit, auch wenn die lauten sollte, dass ein Kurt Beck auf dem Posten vielleicht überfordert war und dass die Delegierten, die ihn so einhellig und begeistert dazu bestimmt haben, einen großen Fehler gemacht haben. Wie zuvor bei Matthias Platzeck. Das waren nicht die besten aller möglichen Lösungen. Auch die, die da immer so brav die Hand gehoben haben, wussten das in jenen Augenblicken. Aber sie haben die Illusion der heiligen Geschlossenheit dem Ausdruck ihrer existierenden Skepsis vorgezogen.

          Der surrealistische Kommunikationsansatz hat einen entscheidenden Vorteil: Er lenkt ab. Ein verwirrtes Publikum fragt nicht, ob es nicht vielleicht fundamentalere Probleme gebe als die jeweiligen Krankheiten der Vorsitzendendarsteller. Warum bieten die Parti Socialiste und New Labour derzeit exakt das gleiche jämmerliche Bild wie unsere Sozialdemokraten? Umfragewerte im Keller, müde Frontmänner und eine innerparteiliche Intrigenlage, die selbst Spezialisten nur noch auf extrabreiten Schaubildern abbilden könnten. Solch eine Lage ergibt sich nicht nach einer oder zwei falschen Entscheidungen, da muss schon jahrelang gemurkst werden.

          Ihr Freunde der Fußballmetaphern, lernt vom FC Bayern München

          In allen Parteien haben dominierende Persönlichkeiten und deren Kämpfe miteinander fahrlässigerweise den Nachwuchs ferngehalten. Noch heute tobt ja, wenn man so will, der Kampf Schröder gegen Lafontaine in der gespaltenen deutschen Linken, und der wird sich auch noch ein Weilchen hinziehen. Es fehlt die Obama-Klasse, also solche Männer und Frauen, die auch außerhalb der Politik etwas erlebt haben, die die Welt kennen und sich bewusst für ein öffentliches Amt entscheiden und nicht umgekehrt, dank einer von Jugend an betriebenen Parteikarriere irgendwann im Apparat so weit oben sind, dass sie den Sprung in andere Positionen wagen.

          Die Parteiarbeiter rufen jetzt zur Weiterarbeit auf. Doch das Land braucht kein ständiges „Weiter so“ und schon gar nicht die öden Mini-Macho- und Malochermetaphern der ewigen Pragmatiker, die immer den „Karren aus dem Dreck“ ziehen, „anpacken“, „stehen“ und, Ärmel hochkrempelnd, den Gürtel enger schnallen wollen, um mehr Tore zu schießen. Wir sind nicht mehr in den Jahren des Wunders von Bern und brauchen weder Sepp Herberger noch einen zweiten Herbert Wehner. Schon gehört, Freunde der politischen Fußballmetapher: Beim FC Bayern München haben sie eine Buddha-Figur aufgestellt, ein DJ-Pult angeschafft, und ein Muslim schießt die Tore.

          Wagemut für die Parteienlandschaft

          Ausprobieren, Risiken eingehen, neue Formen entwickeln, so wie es die neue Arbeitswelt längst von jedem Beschäftigten verlangt – das ist auch einer Partei zuzumuten. Das Land kann nicht ewig dem Spektakel der surrealistischen Partei zusehen, wir brauchen Zeit, um neue Ideen zu entwickeln. Bergbau, Schwerindustrie und Autos, das ist ja alles schön und gut, aber eine zweite große Softwarefirma oder eine Art deutsches iPhone, irgendein marktgängiges Produkt, das es nicht schon 1890 gegeben hat, so etwas made in Germany wäre ganz beruhigend. Zeiten ändern sich, Banken verschwinden, Traditionsmarken geben auf, und auch Parteien sind schnell ins Archiv überwiesen, wo sie zwischen Zentrum und Democrazia Cristiana dahindämmern und auf gutwillige und hoffentlich humorgesegnete Doktoranden der Politikwissenschaften warten.

          Nach diesem seltsamen Sonntag muss sich die sozialdemokratische Politik, müssen sich Amts- und Mandatsträger neu erfinden: Die Rekrutierungswege für den politischen Nachwuchs gehören überprüft, die sozialen Kontakte zwischen Amtsinhabern und anderen sozialen und kulturellen Akteuren müssen intensiviert werden, und wenn ein Parteivertreter etwas sagt, dann muss sich das zeitgemäß anhören. Ach ja, es sollte auch stimmen. Statt um Fleiß und Beständigkeit geht es heute um Kreativität und Aufrichtigkeit. Und Offenheit ist die neue Geschlossenheit: Lieber stammelnd Ratlosigkeit eingestehen als flott lügen.

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