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Die SPD im Taumel : Die Surrealistische Partei Deutschlands

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Die Deutschen würden nicht anfangen zu weinen. Die Zeiten sind unübersichtlich, viele erwachsene Bürger haben sich schon mal getrennt, den Job gewechselt, sie vertragen die schlichte Wahrheit, auch wenn die lauten sollte, dass ein Kurt Beck auf dem Posten vielleicht überfordert war und dass die Delegierten, die ihn so einhellig und begeistert dazu bestimmt haben, einen großen Fehler gemacht haben. Wie zuvor bei Matthias Platzeck. Das waren nicht die besten aller möglichen Lösungen. Auch die, die da immer so brav die Hand gehoben haben, wussten das in jenen Augenblicken. Aber sie haben die Illusion der heiligen Geschlossenheit dem Ausdruck ihrer existierenden Skepsis vorgezogen.

Der surrealistische Kommunikationsansatz hat einen entscheidenden Vorteil: Er lenkt ab. Ein verwirrtes Publikum fragt nicht, ob es nicht vielleicht fundamentalere Probleme gebe als die jeweiligen Krankheiten der Vorsitzendendarsteller. Warum bieten die Parti Socialiste und New Labour derzeit exakt das gleiche jämmerliche Bild wie unsere Sozialdemokraten? Umfragewerte im Keller, müde Frontmänner und eine innerparteiliche Intrigenlage, die selbst Spezialisten nur noch auf extrabreiten Schaubildern abbilden könnten. Solch eine Lage ergibt sich nicht nach einer oder zwei falschen Entscheidungen, da muss schon jahrelang gemurkst werden.

Ihr Freunde der Fußballmetaphern, lernt vom FC Bayern München

In allen Parteien haben dominierende Persönlichkeiten und deren Kämpfe miteinander fahrlässigerweise den Nachwuchs ferngehalten. Noch heute tobt ja, wenn man so will, der Kampf Schröder gegen Lafontaine in der gespaltenen deutschen Linken, und der wird sich auch noch ein Weilchen hinziehen. Es fehlt die Obama-Klasse, also solche Männer und Frauen, die auch außerhalb der Politik etwas erlebt haben, die die Welt kennen und sich bewusst für ein öffentliches Amt entscheiden und nicht umgekehrt, dank einer von Jugend an betriebenen Parteikarriere irgendwann im Apparat so weit oben sind, dass sie den Sprung in andere Positionen wagen.

Die Parteiarbeiter rufen jetzt zur Weiterarbeit auf. Doch das Land braucht kein ständiges „Weiter so“ und schon gar nicht die öden Mini-Macho- und Malochermetaphern der ewigen Pragmatiker, die immer den „Karren aus dem Dreck“ ziehen, „anpacken“, „stehen“ und, Ärmel hochkrempelnd, den Gürtel enger schnallen wollen, um mehr Tore zu schießen. Wir sind nicht mehr in den Jahren des Wunders von Bern und brauchen weder Sepp Herberger noch einen zweiten Herbert Wehner. Schon gehört, Freunde der politischen Fußballmetapher: Beim FC Bayern München haben sie eine Buddha-Figur aufgestellt, ein DJ-Pult angeschafft, und ein Muslim schießt die Tore.

Wagemut für die Parteienlandschaft

Ausprobieren, Risiken eingehen, neue Formen entwickeln, so wie es die neue Arbeitswelt längst von jedem Beschäftigten verlangt – das ist auch einer Partei zuzumuten. Das Land kann nicht ewig dem Spektakel der surrealistischen Partei zusehen, wir brauchen Zeit, um neue Ideen zu entwickeln. Bergbau, Schwerindustrie und Autos, das ist ja alles schön und gut, aber eine zweite große Softwarefirma oder eine Art deutsches iPhone, irgendein marktgängiges Produkt, das es nicht schon 1890 gegeben hat, so etwas made in Germany wäre ganz beruhigend. Zeiten ändern sich, Banken verschwinden, Traditionsmarken geben auf, und auch Parteien sind schnell ins Archiv überwiesen, wo sie zwischen Zentrum und Democrazia Cristiana dahindämmern und auf gutwillige und hoffentlich humorgesegnete Doktoranden der Politikwissenschaften warten.

Nach diesem seltsamen Sonntag muss sich die sozialdemokratische Politik, müssen sich Amts- und Mandatsträger neu erfinden: Die Rekrutierungswege für den politischen Nachwuchs gehören überprüft, die sozialen Kontakte zwischen Amtsinhabern und anderen sozialen und kulturellen Akteuren müssen intensiviert werden, und wenn ein Parteivertreter etwas sagt, dann muss sich das zeitgemäß anhören. Ach ja, es sollte auch stimmen. Statt um Fleiß und Beständigkeit geht es heute um Kreativität und Aufrichtigkeit. Und Offenheit ist die neue Geschlossenheit: Lieber stammelnd Ratlosigkeit eingestehen als flott lügen.

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