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Indonesien : Die schleichende Islamisierung

  • -Aktualisiert am

Kopftücher werden an einem Stand in der indonesischen Stadt Banda Aceh präsentiert. Der Islam gewinnt in dem Inselstaat immer mehr an Einfluss. Bild: Reuters

In Indonesien scheint der Islam zunehmend an Einfluss zu gewinnen. Im Oktober ist der Inselstaat Gastland der Frankfurter Buchmesse. Die Gretchenfrage seit den Erfahrungen mit China lautet: Wie tolerant geht es dort zu?

          In Indonesien wird zurzeit der Fastenmonat Ramadan begangen; knapp neunzig Prozent des 250-Millionen-Volks sind Muslime. Und es finden die ersten Informationsseminare für Unternehmer zu einem neuen Halal-Gesetz statt, das Ende 2014 verabschiedet wurde und 2017 in Kraft treten soll. Halal ist das arabische Wort für „erlaubt“ oder „zulässig“, es bezeichnet die Muslimen gestatteten Speisen und Getränke. Wenn das Gesetz tatsächlich wie verabschiedet umgesetzt werden sollte, wird Indonesien, das sich lange Zeit zu Recht als Vorbild für einen toleranten Islam verstanden hat, schärfere Halal-Gesetze haben als viele arabische Länder.

          Unter anderem sollen Transportcontainer, in denen jemals in der Vergangenheit Fleisch oder Alkohol bewegt wurden, für immer als nicht mehr halal gelten. Da das den Außenhandel mit nichtmuslimischen Ländern extrem erschweren, wenn nicht unmöglich machen würde, kann man das Gesetz – wie es einige Beobachter tun – vor allem als Ausdruck wirtschaftlichen Protektionismus sehen. Das ginge allerdings daran vorbei, dass konservative muslimische Organisationen für genau ein solches Gesetz geworben haben und seine Verabschiedung als Erfolg feiern.

          Immer mehr Frauen tragen Kopftuch

          Das Halal-Gesetz passt außerdem in eine Reihe ähnlicher Entwicklungen der letzten Zeit. So wurde im April dieses Jahres den an fast jeder Ecke des Landes vorhandenen Mini-Supermärkten der Verkauf von Bier und Mixgetränken verboten. Er ist jetzt auf größere Supermärkte beschränkt, die es außerhalb der großen Städte häufig gar nicht gibt und die dafür eine separierte Ecke im Geschäft einrichten müssen. Von zuständiger Ministerseite wird das Verbot nicht religiös, sondern gesundheitspolitisch begründet; insbesondere die Jugend solle geschützt werden. Das allerdings erscheint in einem Land, in dem grob geschätzt neunzig Prozent der männlichen Bevölkerung im Alter über fünfzehn Jahren rauchen, ohne dass es nennenswerte staatliche Anstrengungen gäbe, den Zigarettenkonsum einzuschränken, wenig überzeugend. Muslimische Parteien haben bereits angekündigt, die Beschränkung des Bierverkaufs sei nur der erste Schritt zu einem umfassenden Alkoholverbot in Indonesien.

          In Indonesien tragen immer mehr Frauen Kopftuch.

          Das äußerlich sichtbarste Kennzeichen einer wachsenden Islamisierung der indonesischen Gesellschaft ist das Kopftuch, das sich in den letzten Jahren stark verbreitet hat. Eine ehemalige Dozentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, die 2007 in der Deutschabteilung der Universitas Padjadjaran im westjavanischen Bandung angefangen hat, erzählt, dass damals nur eine Kollegin ein Kopftuch getragen habe. Innerhalb von wenigen Jahren habe sich das Verhältnis umgekehrt: Jetzt tragen alle ein Kopftuch außer einer Mitarbeiterin, und die ist Christin. In Indonesien nicht anders als in Deutschland heißt es oft, man dürfe das Kopftuch nicht nur als Symbol von Unterdrückung betrachten. Es gebe eine ganze Reihe von Gründen, warum sich Frauen dafür entscheiden, es zu tragen, darunter sogar emanzipatorische. Aber richtig ist auch, dass der soziale Druck im Land stärker geworden ist.

          Was passiert in Indonesien?

          Von anderem Kaliber ist ein Skandal, der im März an die indonesische Öffentlichkeit kam: In Westjava wurden von der Provinzregierung Bücher für den schulischen Religionsunterricht verteilt, die den Gründer des Wahhabismus preisen, jener puritanisch-mittelalterlichen Islamauffassung, die in Saudi-Arabien offizielle Staatsdoktrin ist. In den Lehrwerken war auch der Satz zu finden, Nichtmuslime seien Ungläubige, die getötet werden müssten. Es gab einen Aufschrei unter Lehrern und in der breiteren Öffentlichkeit, und der neue Kulturminister zog die Bücher sofort zurück. Aber sie waren offiziell vom indonesischen Kultur- und Bildungsministerium unter dem alten Minister produziert und bereits seit August 2014 an Schulen ausgegeben worden. Dass kurz vor dem Skandal Internetvideos auftauchten, die Indonesisch sprechende Kinder beim Training für den „Islamischen Staat“ zu zeigen scheinen, erscheint da beinahe nachrangig.

          Was passiert in Indonesien, einem Land, das nicht ohne Konflikte, aber doch weitgehend ohne größere Probleme über Jahrhunderte hinweg religiösen Pluralismus gelebt hat? Ein Land, in dem bereits vor Jahrzehnten Denker wie Nurcholish Madjid, Abdurrahman Wahid („Gus Dur“) und Harun Nasution für eine Verbindung von Islam und Gleichberechtigung, Islam und Demokratie, Islam und humanistischen, liberalen Werten plädiert haben, wie sie heute als Desiderate eines Euro-Islams diskutiert werden?

          Die Einflussnahmen kommen auch von außen

          Experten streiten über die Entwicklung des Islams in Indonesien und deren Ursachen, was auch daran liegt, dass es regional unterschiedliche und im nationalen Maßstab widersprüchliche Entwicklungen gibt. Trotzdem herrscht in drei Punkten weitgehend Übereinstimmung. Erstens, dass es seit dem Sturz des langjährigen indonesischen Machthabers Suharto im Jahr 1998 eine Renaissance des Islams im Land gegeben hat. Zweitens, dass der Islam in Indonesien zunehmend konservativer und enger interpretiert wird. Was drittens auch daran liegt, dass der Islam bereits seit den siebziger und achtziger Jahren und dann noch einmal verstärkt seit der Demokratisierung des Landes von saudi- und golfarabischen Interpretationen der Religion beeinflusst wird.

          Nach dem Sturz des indonesischen Machthabers Suharto erlebte der Islam eine Renaissance im Inselstaat.

          Das wiederum hat seine Ursache einerseits in den vielen, vor allem weiblichen indonesischen Gastarbeitern in Saudi-Arabien, die bei der Rückkehr in die Heimat die dortige puritanische Interpretation des Islams mitbringen. Es gibt aber auch direkte Einflussnahmen sowohl des Staats Saudi-Arabien als auch durch private saudi- und golfarabische Geldgeber vor allem für islamische Gemeinden, Schulen und Pesantren (eine Art religiöser Internate in Indonesien). Wenn in solchen Einrichtungen der Wahhabismus gepriesen wird, gibt es keine toleranten Lehrer, die für einen Aufschrei sorgen. Was zumindest mit erklären könnte, warum laut einer repräsentativen Umfrage aus diesem Jahr gut sieben Prozent der Oberschüler in den Städten Jakarta und Bandung Zustimmung zu den Zielen der Terrororganisation IS bekundeten.

          Neue Interpretationen des Islam in Indonesien

          Die saudi-arabische Botschaft in Indonesien ist in der Vergangenheit nicht davor zurückgescheut, in religionspolitischen Fragen direkt zu intervenieren. Belegt ist etwa, dass sie nachdrücklich darauf gedrängt hat, die zahlenmäßig unbedeutende Ahmadiyya-Sekte in Indonesien für unislamisch erklären zu lassen. Das geschah 2008 und gilt als Mitauslöser für eine zunehmende, auch gewalttätige, Feindschaft gegenüber Ahmadiyya-Gläubigen und anderen islamischen Abweichlern. Zuletzt wurden 2011 in der Provinz Banten mehrere Ahmadiyya von einem aufgehetzten Mob zu Tode geprügelt.

          Der saudi- und golfarabische Einfluss hat nicht allein, aber doch wesentlich zu einer insgesamt konservativeren, zu kleineren Teilen auch fundamentalistischen und reaktionären, zu noch einmal sehr viel kleineren Teilen auch terroristischen Interpretation des Islams in Indonesien beigetragen. Wenn man nach der absoluten Zahl an ausländischen Kämpfern fragt, die sich dem IS angeschlossen haben, kommt man zu dem Schluss, dass Deutsche – von Engländern und Franzosen zu schweigen – größeren Anteil daran haben als Indonesier: Für Deutschland schätzt man mindestens 550 Personen, für Frankreich mehr als tausend, bei Indonesien bis zu zweihundert – trotz der sehr viel größeren indonesischen Bevölkerungszahl.

          Problematisch ist nicht die Religion, sondern deren Interpretation

          Überhaupt muss man festhalten, dass eine Bewertung der Entwicklung in Indonesien nicht so eindeutig negativ ausfallen kann, wie es die oben zitierten Beispiele zunächst nahezulegen scheinen. Der Hauptstrom des indonesischen Islams ist konservativer geworden, aber er ist keineswegs radikal. Der aktuelle Religionsminister Lukman Hakim Saefuddin etwa ist ein für das Land seit langem typischer Vertreter einer reflektierten, toleranten Islamauffassung. Es berufen sich in Indonesien außerdem nicht nur konservative und reaktionäre Kräfte auf den Islam, sondern auch sozial progressive, darunter eine ganze Reihe muslimischer Feministinnen. Und schließlich ist Indonesien zwar eine junge Demokratie, aber neben den Philippinen auch die letzte große verbliebene in Südostasien. Kein buddhistischer Staat der Region kann Anspruch darauf erheben, Demokratie genannt zu werden. Das streng buddhistische Myanmar etwa behandelt seine muslimische Rohingya-Minderheit so schlecht, dass sie den Vereinten Nationen als die meist verfolgte Minorität weltweit gilt.

          In Indonesien dagegen hat die skizzierte Entwicklung das interreligiöse Zusammenleben sicher nicht einfacher gemacht, es allerdings auch noch nicht in großem Maßstab vergiften können. So müsste man wohl am besten sagen, dass sich in Indonesien der weltweite Kampf innerhalb des Islams zwischen Liberalen und Fundamentalisten, Moderaten und Reaktionären besonders pointiert zuträgt. Und wie immer dieser Kampf ausgeht – das Beispiel Indonesien zeigt, dass das Problem, anders als viele westliche Islamgegner meinen, nicht „der“ Islam ist. Der Islam wurde in Indonesien über Jahrhunderte tolerant neben anderen Religionen praktiziert. Problematisch können allerdings sehr wohl bestimmte Interpretationen des Islams sein, und kein Staat verbreitet sein düsteres Verständnis dieser Religion mit größerem Enthusiasmus und größerer Finanzkraft als Saudi-Arabien. Kein Zufall, dass die Terrororganisation IS das saudische Schulcurriculum in den von ihr beherrschten Gebieten fast eins zu eins übernommen hat.

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