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Benetton feuert Toscani : Wen kümmert es schon, wenn eine Brücke einstürzt?

Oliviero Toscani im Mai 2010 vor einem seiner provokanten Kampagnenmotive für Benetton in einer Ausstellung in Wien Bild: Picture-Alliance

Ein „Familienfoto“, für das sich die „Sardinen“-Gründer entschuldigen, ein abfälliger Satz Oliviero Toscanis über die eingestürzte Brücke in Genua: Wie es kommt, dass sich Benetton von seinem berühmten Kreativdirektor trennt.

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          Auf den Fotos sind lachende Leute zu sehen, junge und ältere. Inzwischen dürfte den sechs Personen das Lachen vergangen sein. Die Aufnahmen entstanden Ende Januar in Treviso nördlich von Venedig. Dort wurde 1965 von der Familie Benetton eine Strickerei gegründet, die ihre bunten Pullover in aller Welt bald so erfolgreich verkaufte, dass die Geschwister Giuliana, Carlo, Gilberto und Luciano Benetton sehr reich wurden. Vor allem Luciano Benetton, 1935 als ältestes der vier Geschwister geboren, erkannte frühzeitig, dass die Benetton Group ihre Wirtschaftstätigkeit diversifizieren müsse, um nicht vom volatilen Markt für Oberbekleidung abhängig zu sein. Die Gruppe bewies Geschick, legte ihr Geld in der Formel 1 und in verschiedenen Infrastrukturunternehmen an, beteiligte sich an Autobahn- und Flughafenbetreibern.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          In Treviso befindet sich auch der Sitz der gemeinnützigen Stiftung „Fabrica di Treviso“, die Luciano Benetton 1994 mit seinem Freund Oliviero Toscani gründete. Der Starfotograf Toscani wurde in den achtziger Jahren durch skandalträchtige Werbekampagnen für die Modekette „United Colors of Benetton“ bekannt. Die „Fabrica“-Stiftung stellt sich als „Zentrum für kulturelle Subversion“ vor. Dort finden Seminare für junge Menschen aus aller Welt statt, die lernen sollen, wie man „mit interdisziplinären Mitteln innovative Wege der gegenwärtigen Kommunikation“ beschreitet.

          Der Verdienst der Sardinen-Gründer

          Zu dem Seminar in Treviso Ende Januar mit Besuchern überwiegend aus Mittel- und Osteuropa hatten Benetton und Toscani die vier Gründer der sogenannten Sardinen-Bewegung aus Bologna eingeladen. Giulia Trappoloni, Andrea Garreffa, Roberto Morotti und Mattia Santori sind Anfang dreißig und kennen sich seit Studientagen. Für den Abend des 14. November hatten sie zu einem Flashmob auf der Piazza Maggiore von Bologna gegen die rechtsnationalistische Lega des früheren Innenministers Matteo Salvini aufgerufen – in der Hoffnung, man werde dort so eng beieinander stehen wie Sardinen, daher der Name der Bewegung.

          Da war die Stimmung noch gut: Der ehemalige Kreativdirektor des italienischen Unternehmens Benetton, Oliviero Toscani (rechts), mit den Gründern der italienischen Sardinen-Bewegung.

          Salvini hatte am selben Tag in Bologna seine Wahlkampagne für die Regionalwahlen in der Emilia-Romagna begonnen, brachte in einem Sportstadion aber bei weitem nicht so viele Leute zusammen wie die Sardinen unter freiem Himmel. In den Wochen nach dem denkwürdigen Abend breitete sich die Bewegung über zahlreiche Städte aus. Höhepunkt war die Kundgebung mit 100.000 Teilnehmern vom 14. Dezember in Rom.

          Dass der politische Vormarsch der Lega gestoppt wurde und die Sozialdemokraten ihre Macht in der seit sieben Jahrzehnten von der Linken beherrschten norditalienischen Region verteidigen konnten, ist maßgeblich das Verdienst der Sardinen: Ohne ihre Mobilisierung wären nicht so viele Lega-Gegner zur Wahl gegangen, um Salvini in die Schranken zu weisen. Von ihren Erfahrungen und Strategien sollten die Sardinen-Gründer nach „ihrem“ Wahlsieg in der Emilia-Romagna in Treviso berichten. „Familienfotos“ der vier mit Benetton und Toscani wurden veröffentlicht und verbreiteten sich rasch über die sozialen Medien.

          Aufschrei über die „radikal-linke Schickeria“

          Der Besuch führte zu heftigem Streit in der Sardinen-Bewegung. Denn die Familie Benetton kontrolliert mit ihrer Holding Atlantia als Hauptaktionär den Autobahnbetreiber „Autostrade per l’Italia“. Das Unternehmen betreibt 3100 Kilometer mautpflichtige Autobahnen, auch die A 10 in Ligurien einschließlich der Morandi-Brücke in Genua. Die Brücke über den Fluss Polcevera stürzte am 14. August 2018 ein, 43 Menschen starben. Die Ursache der Katastrophe ist nicht abschließend geklärt, viel spricht für schwere Mängel bei der Wartung des Viadukts durch „Autostrade“.

          Auf die mutmaßliche Verantwortung der Familie Benetton für diese vermeidbare Tragödie wies die römische Sektion der Sardinen-Bewegung in einer Mitteilung Anfang der Woche hin, gezeichnet von deren Sprecher Stephen Ogongo: „Wer für soziale Gerechtigkeit und eine neue Art der Politik kämpft, kann den Schmerzensschrei der Familien der Opfer von Genua nicht vergessen.“ Angesichts des Shitstorms in ihrer Bewegung entschuldigten sich die vier Gründer für den Besuch bei Benetton und Toscani und bezeichneten ihre Teilnahme an dem Seminar in Treviso als Fehler.

          In einem Gespräch mit dem öffentlich-rechtlichen Radiosender Rai Uno von Montagmittag zeigte sich Toscani seinerseits entrüstet über die Aufregung, die das Foto aus Treviso bei den Sardinen verursacht habe. „Hören wir doch auf damit! Wen kümmert es schon, wenn eine Brücke einstürzt?“, sagte Toscani und wollte die Debatte auf die Begegnung der vielen jungen Leute in Treviso lenken. Damit löste Toscani einen noch viel größeren Proteststurm aus. Hinterbliebene der Opfer zeigten sich entsetzt. Für die italienische Rechte, vorab für Salvini, war die Äußerung Toscanis ein weiterer Beweis dafür, dass sich die arrogante „radikal-linke Schickeria“ nicht um die kleinen Leute und deren Schmerz schere. Luciano Benetton saß von 1992 bis 1994 für die linkssozialistische Radikale Partei als Senator im Parlament. Oliviero Toscani gibt sich gern als Repräsentant des intellektuellen Linksliberalismus.

          Toscani reagierte zunächst trotzig, der Satz sei zu Manipulationszwecken aus dem Zusammenhang gerissen worden. Später entschuldigte er sich bei den Angehörigen der Opfer und bezeichnete seine Äußerung als schandhaft. Doch den angerichteten Schaden konnte er nicht mehr reparieren. Am Donnerstag wurde er gefeuert. In einer dürren Erklärung hieß es: „Die Benetton-Gruppe mit ihrem Präsidenten Luciano Benetton distanziert sich auf das Schärfste von den Aussagen Oliviero Toscanis über den Einsturz der Morandi-Brücke und hält es damit für unmöglich, die Zusammenarbeit mit dem Kreativdirektor fortzusetzen.“ Luciano Benetton will vermeiden, dass auch er etwas abbekommt. Toscani verabschiedete sich mit dem sarkastischen Satz: „Endlich bin ich deren Probleme los.“

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