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Der Fall Jörg Bernig : Wie ernst meint es der Dissident?

Bert Wendsche, Oberbürgermeister von Radebeul, überreicht Jörg Bernig nicht die Ernennungsurkunde zum Kulturamtsleiter, sondern den Radebeuler Kunstpreis. Das war 2013. Bild: dpa

Der Schriftsteller Jörg Bernig wollte Leiter des Kulturamts in Radebeul werden. Für sein systemkritisches Milieu in Ostdeutschland schlug die Stunde der Wahrheit.

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          Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer gaben Walter Schmitz und Jörg Bernig mit Fördergeld der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur einen 750 Seiten dicken Aufsatzband über „Schriftsteller aus der DDR in der Bundesrepublik“ heraus. Titel: „Deutsch-deutsches Literaturexil“. Der Germanist Walter Schmitz, von der Mosel gebürtig, hatte vor seiner Münchner Promotion in Tübingen für Hans Mayer gearbeitet, den früheren Leipziger Professor, der 1963 von einem Besuch in der Bundesrepublik nicht mehr in die DDR zurückkehrte. 1992 wurde Schmitz an die Technische Universität Dresden berufen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Jörg Bernig wurde 1964 in Wurzen geboren, der Geburtsstadt von Joachim Ringelnatz. Er studierte in Leipzig und wurde 1996 an der Freien Universität Berlin mit einer Arbeit über die Schlacht von Stalingrad in deutschsprachigen Romanen promoviert. Sie wurde 1997 im Peter Lang Verlag unter dem Titel „Eingekesselt“ gedruckt. Seit 1998 veröffentlicht Bernig Lyrik und Romane. Seine ersten beiden Romane erschienen in der Deutschen Verlags-Anstalt, spätere Bücher beim Mitteldeutschen Verlag in Halle, der die Rechte an diesen Titeln inzwischen an den Autor zurückgegeben hat. Obwohl seine jüngeren Bücher kaum noch überregionale Resonanz fanden, wurde er 2013 in die Bayerische Akademie der Schönen Künste gewählt. Am Lehrstuhl von Schmitz war Bernig als Projektmitarbeiter beschäftigt.

          Gemeinsam gaben sie 2006 auch einen Band mit „Gesprächen zur literarischen Kultur in Sachsen und Ostdeutschland“ heraus. Die dort transkribierten Gespräche mit Schriftstellern waren zehn Jahre nach dem Fall der Mauer geführt worden; die Fragen verklammerten den Rückblick auf politische Erwartungen in der Wendezeit mit einer kritischen Bilanz der Entwicklung des Literaturbetriebs. Zum Kompendium über die DDR-Schriftsteller in der Bundesrepublik hat Bernig zwei Aufsätze beigesteuert: über Siegmar Faust und Ulrich Schacht, die beide 1976, im Jahr der Ausbürgerung Wolf Biermanns, nach der Entlassung aus mehrjähriger politischer Haft nach Westdeutschland übersiedelten. Bernig zeigt sich hier als untadeliger Germanist: Er interpretiert sensibel, belegt gründlich und schreibt eine Prosa ohne Jargon.

          Poetik der Entfremdung

          An seinem Lyrikerkollegen Ulrich Schacht zeigt Bernig, wie auch die Naturdichtung Schachts dessen Lebensthema des Leidens an der deutschen Teilung verarbeitet. Insofern Schacht die politische Erfahrung des Heimatverlusts unter Rückgriff auf die deutsche Romantik im Sinne einer Poetik der kosmologischen Entfremdung verallgemeinerte, bietet er das beste Bespiel für den vom Titel des Sammelbands postulierten Nutzen des Exilparadigmas für die deutsch-deutsche Literaturgeschichte. Aber Bernig zitiert auch einen Satz, mit dem Schacht selbst 1982 bei einer Lesung in Marburg die Anwendung dieses Deutungsmusters auf seinen Fall zurückwies: „Ich kann in Deutschland kein Emigrant sein.“

          Jörg Bernig, dessen literarische Produktion ebenfalls um den Komplex von Heimat, Flucht und Vertreibung kreist, würde seine eigene Einstellung zu seinem Vaterland inzwischen wohl nicht mehr mit dem Satz Schachts bestimmen. Dieser hielt an seiner 1982 formulierten Haltung fest und wanderte, weil sich die Dinge im wiedervereinigten Deutschland nicht nach seinem Geschmack entwickelten, nach Schweden aus – in Deutschland konnte er immer noch kein Emigrant sein. Bernig lebt hingegen in Radebeul bei Dresden und hat sein jüngstes Buch in einer Taschenbuchreihe der Dresdner Buchhandlung von Susanne Dagen veröffentlicht, die den Titel „Exil“ trägt. Die anderen beiden Autoren der Reihe sind Monika Maron und Uwe Tellkamp.

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