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Die Protokolle von Toulouse : Wir reden hier von Muslim zu Muslim

Am Morgen des 22. März 2012 stürmt die Polizei von Toulouse die Wohnung des Attentäters Merah, er wird von Scharfschützen erschossen Bild: Reuters

Mohammed Merah tötete sieben Menschen, bevor er bei der Erstürmung seiner Wohnung im März 2012 erschossen wurde. Die Polizei von Toulouse hatte lange mit ihm verhandelt. Die Protokolle lesen sich wie ein Kammerspiel.

          6 Min.

          „Und, was willst du jetzt machen?“

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Keine Ahnung, ich glaube, ich möchte mich stellen, doch Wallah, ich krieg das noch nicht so richtig klar im Kopf.“

          Der Flur in einem Wohnblock. Fahles Morgenlicht. Es ist Mittwoch, der 21. März 2012. Zwei Männer, zwischen ihnen eine von Geschossen durchlöcherte Haustür. Sie beide sind Kinder nordafrikanischer Einwanderer, beide französische Staatsbürger, Muslime. Der eine, Hassan, arbeitet für den französischen Geheimdienst. Der andere, Mohammed Merah, hat in den vergangenen Wochen sieben Menschen getötet: In Montauban erschießt er am 11. und 15. März drei Soldaten, vier Tage später ermordet er drei Kinder und einen Familienvater mit Kopfschüssen, sie warteten vor einer jüdischen Schule auf den Bus.

          Frankreich fiel damals in einen Schockzustand, Sarkozy rief die höchste Stufe des Antiterrorplans Vigipirate aus, erstmals seit 1981. Die Medien berichteten live aus Côte Pavée, dem Stadtteil von Toulouse, wo Merah sich in seiner Wohnung verschanzt hatte. Fast 32 Stunden dauerte die Belagerung durch die Polizei. Sie endete mit dem Tod Merahs. Hassans Bemühungen, ihn zum Aufgeben zu bewegen, waren vergeblich gewesen.

          Mehr als fünfzehn Stunden standen die beiden Männer immer wieder im Kontakt. Die Polizei nahm das über Walkie-Talkie geführte Gespräch auf, transkribierte es, 173 Seiten zählt die Niederschrift. Als Beweisstück für einen möglichen Prozess sollte es unter Verschluss gehalten werden - das Gespräch enthält die einzigen Erklärungen, die Merah jemals für seine Taten gegeben hat. Nun aber hat die französische Zeitung „Libération“ den Text ins Internet gestellt.

          Hassan: „Hättest du auch mich getötet, wenn du die Gelegenheit dazu bekommen hättest?“

          Merah: „Dir hätte ich direkt in den Kopf geschossen.“

          Das Dokument zeigt ihn als Persönlichkeit, bei der das Kalkulierte und Eitle überwiegen. Reue kennt er nicht, hat für alles Begründungen parat, besonders religiöse. Und so geht es bei dieser Unterhaltung nicht nur darum, einen religiösen Extremisten dazu zu bringen, seine Waffe niederzulegen - sie ist vielmehr ein Duell aus Worten zwischen zwei Muslimen, die ihren Glauben von Grund auf unterschiedlich leben und interpretieren. Das Gespräch liest sich wie ein Kammerspiel, nimmt einen mit zu dem Haus in Côte Pavée.

          Dort ist es jetzt kurz nach sieben Uhr, vor wenigen Minuten hat Hassan das Haus mit der Nummer 17 in der Rue du Sergent Vigné erreicht. Die Wohnung im Hochparterre liegt im Halbdunkeln, die Straße ist abgeriegelt, Nachbarwohnungen sind evakuiert. Merah sitzt auf dem Boden in der Wohnung, die Waffe in der Hand, er hat gerade durch Klopfzeichen signalisiert, wo genau, also in welchem Zimmer und vor welcher Wand er sich befindet, darauf hat die Polizei bestanden, das sind die Regeln, wenn man bei einer Belagerung nicht versehentlich erschossen werden will. Überall sind Putz und Splitter, Wasser fließt aus zerschossenen Leitungen.

          Merah war vorbereitet, ist unverletzt, trägt eine kugelsichere Weste: Um 3.15 Uhr hat die Polizei versucht, die Wohnung des „Motorroller-Mörders“ zu stürmen, wie ihn ganz Frankreich nennt, weil er auf einem Roller kam und mordete. Nun will die Polizei verhandeln, hat ein Walkie-Talkie über den Balkon ins Wohnzimmer geworfen, im Austausch schleuderte Merah seinen Colt heraus, er benutzte ihn bei den Attentaten. Das Walkie-Talkie liegt jetzt neben ihm. Noch aber redet Merah nicht. Er wartet auf Hassan, nach ihm hat er verlangt: Im November 2011 hatte der ihn ins Präsidium vorgeladen - der afghanischen Polizei war eine Reise von Merah durch Afghanistan verdächtig vorgekommen. Merah zeigte Hassan damals Fotos, die nach Urlaub aussahen. Er sei als Tourist am Hindukusch gewesen. Hassan glaubte ihm. Wäre er misstrauischer gewesen, lebten Merahs Opfer noch - auf der Reise damals fasste Merah den Entschluss, in Frankreich Menschen zu töten, die in seinen Augen den Islam bedrohen.

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