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Giffeys Doktorarbeit : Die Wahrheitsprobe kommt noch

Nach dem Gießkannen-Prinzip lassen sich vielleicht soziale Wohltaten, aber keine wissenschaftlichen Erkenntnisse verbreiten: Franziska Giffey am 24. April 2021 bei ihrer Nominierung als Spitzenkandidatin für die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus. Der SPD-Landesvorsitzende Raed Saleh gratulierte. Bild: dpa

Abgeschriebenes muss noch lange nicht falsch sein. Mit den philosophischen Konzepten ihrer Dissertation kann Franziska Giffey auch ohne Titel weiterarbeiten.

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          Was man, so hat man gesagt, von der europäischen philosophischen Tradition im Allgemeinen mit der größten Gewissheit sagen kann, ist, dass sie aus einer Serie von Fußnoten zu Platon besteht (Whitehead 1929). Unglücklicherweise ließ sich auch Franziska Giffey dazu verführen, der Tradition noch ein paar Fußnoten hinzuzufügen. Dabei wollte sie mit ihrer 2009 an der FU Berlin eingereichten Arbeit den Doktorgrad gar nicht in der Philosophie, sondern in der Politikwissenschaft erwerben.

          Der fehlgeleitete Ehrgeiz fällt auch nicht ins Auge: Auf 266 Seiten weist die Untersuchung nur eine einzige Fußnote auf. „In dieser Arbeit werden mit der Verwendung des Begriffs ,Bürger‘ sowohl Bürgerinnen als auch Bürger gleichermaßen erfasst. Aus Gründen der einfacheren Lesbarkeit wird auf das Ausschreiben der weiblichen Form verzichtet.“ Hätte der Verzicht aufs Gendern jetzt für die Berliner SPD nicht ein eleganter Vorwand sein können, die zurückgetretene Bundesministerin auch von der Spitzenkandidatur fürs Abgeordnetenhaus zu entlasten?

          Die Doktorandin ahnte wohl, dass sich ihr Thema „Europas Weg zum Bürger – Die Politik der Europäischen Kommission zur Beteiligung der Zivilgesellschaft“ bei näherem Hinsehen etwas klein ausnahm, weil sie es ausschließlich in Neukölln untersuchte, wo sie praktischerweise als Europabeauftragte beim Bezirk beschäftigt war. Um so größer legte sie das „Forschungsdesign“ an, das sich durch eine „normativ-ontologische Herangehensweise“ auszeichnen sollte: „Dieser politikwissenschaftliche Ansatz, der seiner Herkunft nach auf die griechische Antike und deren klassische Philosophie von Platon und Aristoteles zurückgeht, berücksichtigt auch normative, also Wertfragen (Berg-Schlosser / Stammen 2003).“

          Dem pauschalen Verweis auf Berg-Schlosser und Stammen entnimmt der Leser nicht, dass auch der übernächste Satz, wie die Detektive von Vroniplag aufgedeckt haben, diese Vorlage paraphrasiert: „Das Konzept des Ontologischen bezieht sich dabei auf den Menschen als Teil einer umfassenden politischen und Seinsordnung, in der der Mensch nicht einfach als ein statisch oder gegenständlich Gegebenes oder Vorhandenes, als ,Beschaffen-Sein‘, sondern als ,Tätig-Sein‘ im Sinne von Teilhabe betrachtet wird.“ Von Berg-Schlosser und Stammen kommen auch die scheinbar selbständigen Hinweise auf drei in der Arbeit nicht wieder herangezogene Klassiker (Strauss 1959; Voegelin 1959; Arendt 1967).

          Widerlegt ist das ontologische Konzept durchs Abschreiben nicht. Die Wahrheitsprobe steht ihm noch bevor, die in der Politik nur eine praktische sein kann: Franziska Giffey spekuliert darauf, dass sich die Demokratie als umfassende Seinsordnung erweisen wird, aus der kein Berufspolitiker so schnell herausfällt, weil die Wähler den Kandidaten nicht danach bewerten, wie er beschaffen zu sein scheint, zum Beispiel als Schwindler, sondern wie er tätig sein will. Platon ist ein Freund für Giffey, aber eine größere Freundin ist die Teilhabe (Bacon 1267).

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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