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Frankfurter Paulskirche : Der Denkstein der Deutschen

Der Eintritt in die Tagesordnung erfolgt bei Tageslicht: Die Demokratie ist mit der Aufklärung im Bunde. Neuerdings schämen sich prominente Besucher des Plenarsaals der Paulskirche der Helligkeit und verlangen zurück ins Dunkel. Bild: Maria Irl

Soll die Paulskirche umgebaut werden? Die Berliner Planer eines Ortes der Demokratiegeschichte kennen die Geschichte so schlecht wie die Demokratie.

          12 Min.

          Am 18. Mai 1923, dem fünfundsiebzigsten Jahrestag des Zusammentritts der deutschen Nationalversammlung, fand in Frankfurt auf Einladung der Stadt eine Erinnerungsfeier statt. In der Paulskirche, dem Tagungsort des ersten nach weitgehend allgemeinem Männerwahlrecht gewählten gesamtdeutschen Parlaments, hielt Reichspräsident Friedrich Ebert eine Rede. Er würdigte die Leistungen der Parlamentarier, die Schaffung der Grundrechte und der Reichsverfassung, und erklärte es mit der Kleinstaaterei, dass das Reich, für das diese Rechtsgrundlagen bestimmt waren, damals noch nicht gegründet wurde. Gerade dem Unvollendeten des Werkes der Nationalversammlung gewann Ebert etwas Denkwürdiges und sogar Ermutigendes ab, und das wieder in die Obhut der evangelischen Kirche übergegangene zeitweilige Parlamentsgebäude deutete er mit einem frappanten Bild als Zeichen für den von 1848 ausgehenden Auftrag an die Nachgeborenen: „So wurde die Arbeit der Paulskirche nicht Wirklichkeit; sie ist aber ein Denkstein geworden, der weit und sichtbar hineinragt in die weitere Entwicklung des staatlichen Lebens der Nation, in die Zeit der Gründung des Reichs wie in die schweren Zeiten unserer neuesten Geschichte.“

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Man darf voraussagen, dass es am 18. Mai 2023 wieder eine Gedenkfeier in der Paulskirche geben wird und dass Frank-Walter Steinmeier, Eberts Nachfolger als Staatsoberhaupt und sozialdemokratischer Parteifreund, es sich, sollte er 2022 als Bundespräsident wiedergewählt werden, nicht nehmen lassen dürfte, zur Festversammlung zu sprechen. Schon 2019 formulierte Steinmeier in einem Artikel in der „Zeit“ den Appell, in der „Zukunft der Paulskirche“ eine „Aufgabe“ zu erkennen, deren Erledigung der Gesamtstaat nicht allein der Stadt Frankfurt überlassen dürfe. Damals hatte Steinmeier sogar die Vision, dass bis zum Jubiläum ein Umbau vollendet sein könnte. „Warum hat Deutschland nicht den Ehrgeiz, die Paulskirche bis dahin zu einer modernen Erinnerungsstätte für die Demokratie zu machen? Ein authentischer Ort, der an Revolution, Parlamentarismus und Grundrechte nicht nur museal erinnert, sondern zu einem Erlebnisort wird, der Wissen, Bildung und Debatte verbindet?“

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