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Die Ossifizierung des Westens : Deutsche deprimierende Republik

  • -Aktualisiert am

Die DDR ist auf dem Vormarsch- in den Westen Bild: picture-alliance / dpa

Nein, man kann nicht alles, was heute an Deutschland nervt, auf den lähmenden Einfluss der Duckmäuserossis zurückführen. „Aber was eigentlich nicht?“, fragt der Schriftsteller Maxim Biller in seiner Polemik gegen die moralische und wirtschaftliche „Ossifizierung“ Deutschlands.

          Nie werden wir wissen, wie das Deutschland der Westdeutschen ohne das große, kalte Jahr 1989 geworden wäre. Wir wissen aber, wie es ist. Es ist, von damals aus betrachtet, ein Land, in dem es die seltsamsten Dinge gibt. Zum Beispiel die respektierte Moderatorin Maybrit Illner, früher SED, heute ZDF, die sagt: „Ich bin Exilantin eines Landes, das nicht mehr existiert.“ Es gibt die erfolgreichen Volksbühnen-Inszenierungen von Frank Castorf, deren verrätselter, sinnfreier Kassiberstil aus der Zeit stammt, als Castorf DDR-Regisseur in Anklam war und nur dann Theater machen konnte, wenn der Zensor, und mit ihm das Publikum, nichts verstand.

          Es gibt alle paar Wochen eine Folge „Polizeiruf 110“, noch bedrückender und biederer als jeder „Tatort“, von der SED Anfang der Siebziger in Auftrag gegeben, um die Westkrimisucht der Ostdeutschen zu heilen. Und es gibt eine ewig zögernde, ängstliche, immer nur auf die Schwächen ihrer Feinde und Freunde lauernde Kanzlerin, die in den alten DDR-Angsttagen FDJ-Sekretärin für Propaganda und Agitation war und heute sagt: „Es ist eine Illusion zu glauben, dass die Bevölkerung sich eine moralisch erhabene politische Klasse wünscht, die völlig anders als sie selbst ist.“

          Mehr Osten für den Westen

          Wenn Angela Merkel damit recht hat, dann hat sich bei uns seit dem großen, kalten Jahr 1989 etwas geändert. Früher, als „wir“ und „sie“ noch in getrennten Staaten lebten, erwarteten wir Westdeutschen sehr viel von den Politikern – und wann immer wir von deren Lügen, Machtsucht und Durchschnittlichkeit enttäuscht wurden, versuchten wir, unsere Wut auf sie in langwierigen Politikverdrossenheitsdebatten wegzudiskutieren.

          Kein Freund des deutschen Ostens: Maxim Biller

          „Sie“, die Ostdeutschen, waren aber schon immer der Meinung, dass alle Politiker Gangster sind und bleiben, und da sie seit 1933 nur von Leuten wie Hitler, Dönitz, Ulbricht und Honecker regiert wurden, kann man das fast verstehen. Was man nicht verstehen kann, ist die tatsächlich ziemlich gangstermäßige Lässigkeit, mit der unsere Politiker seit 1989 dafür gesorgt haben, dass der Osten Osten bleiben und unsere einst so libertäre, offene, unnationalistische Gesellschaft mit seiner Osthaftigkeit vergiften durfte.

          Amnesie und Amnestie

          Das neueste deutsche Malheur fing damit an, dass die Revolution von 1989 keine war. Die Gegner des Westens und der Demokratie, die SED-Ober-, Mittel- und Unter-Chefs, die Staatssicherheits-Berijas und ihre willigen Helfer landeten, bis auf lächerlich wenige Ausnahmen, nicht vor Richtern und in Gefängnissen. Stattdessen saßen sie mit Schäubles grauen Aktentaschenmännern, den wahren Gestaltern der deutschen Einigung, an runden Tischen, und einer von ihnen, der unsaubere Herr Modrow, blieb bis 1990 Ministerpräsident der DDR. Ein anderer wurde Landesvater von Brandenburg und später einer von Schröders Ministern. So kamen das Gift, die Lüge, die Heuchelei und die Linkspartei in die deutsche Politik, und wer sagt, man muss die Sache pragmatisch sehen, ist nicht pragmatisch genug. Denn Menschen, die Einfluss haben, hinterlassen Spuren – in Akten, in Gesetzentwürfen, in den Köpfen und Handlungen anderer Menschen.

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