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Die NSA und der Quantencomputer : Das Über-Hirn

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Die NSA will einen Quantencomputer bauen. Für das alte Streben nach „intelligenten Maschinen“ ist es eine gute Nachricht. Für den privaten Menschen aber nicht: Keine Kryptographie nützt dann mehr gegen den allwissenden Staat.

          „Du hast mich oft nach der möglichen Anwendung diverser Zweige der Mathematik gefragt“, schrieb der vierundzwanzigjährige Alan Turing im Oktober 1936 an seine Mutter, kurz nachdem er zum Doktorandenstudium in den Vereinigten Staaten eingetroffen war. „Woran ich im Augenblick arbeite, beantwortet die Frage nach der allgemeinsten möglichen Codierung oder Chiffrierung, die (ganz natürlich) auch die Möglichkeit eröffnet, eine Menge spezieller und interessanter Codes zu konstruieren. Bei einem davon ist es ziemlich unmöglich, ihn ohne den Schlüssel zu dechiffrieren, und er lässt sich sehr schnell codieren. Ich denke, ich kann ihn für eine beträchtliche Summe an die Regierung Seiner Majestät verkaufen, aber ich bin mir hinsichtlich der Moral dieser Dinge im Zweifel. Was denkst Du darüber?“

          (English Version: The Super Brain)

          Bei der Moral ging es nicht um die moralische Beurteilung der Konstruktion absolut sicherer Codes, sondern um die Frage, ob ein Mathematiker solche Entdeckungen an den Staat verkaufen darf. Drei Jahre später arbeitete Turing intensiv für die militärische Dechiffrierabteilung Seiner Majestät in Bletchley Park. Heute ist die NSA der weltweit großzügigste Arbeitgeber für Mathematiker. Zwischen diesen beiden Tatsachen besteht ein enger Zusammenhang. Alan Turing ist bis heute mehr als jeder andere der Schutzpatron der NSA.

          Als Turing im September 1939 in Bletchley Park eintraf, glaubten die meisten seiner Kollegen (einschließlich der deutschen), es sei „ziemlich unmöglich“, das Enigma-Verschlüsselungssystem zu knacken, sofern es korrekt eingesetzt wurde. Allenfalls konnte man hoffen, durch menschliche Irrtümer, die Logbücher aufgebrachter Schiffe oder andere Verhaltensfehler gelegentlich an Hinweise zu gelangen, die zeitweilig eine Entschlüsselung ermöglichten – bis die Schlüssel geändert wurden. Dass es Alan Turing und seinen Kollegen gelang, das Enigma-System durch den Einsatz einfallsreicher mathematischer und technischer Mittel systematisch zu knacken, war der historische Durchbruch, der direkt zu jenem Monument der Kryptographie und Kryptoanalyse führte, das wir unter der Bezeichnung NSA kennen.

          Hauptaufgabe der NSA ist die Sicherung der Kommunikation

          Es gehört zu den größten Ungerechtigkeiten der Geschichte, dass man Alan Turing in seiner Heimat und seiner verkürzten Lebenszeit die volle Anerkennung für seine Beiträge zur Informatik, zur Bayesschen Statistik und zu den Kriegsanstrengungen verweigerte, während seine 1952 erfolgte Verurteilung wegen Homosexualität ihm den Zugang zu den Vereinigten Staaten verwehrte – wo seine Ideen Früchte tragen sollten wie nirgendwo sonst.

          Die Zeiten haben sich geändert. Wer hätte gedacht, dass Ende 2013 Alan Turing von derselben britischen Regierung, die ihn einst wegen grober Unzucht hatte verurteilen und als Sicherheitsrisiko einstufen lassen, rehabilitiert worden ist, während die NSA weithin von denselben Menschen verdammt wird, die zu schützen sie den Auftrag hat. Als ich am Heiligen Abend von Turings Rehabilitierung erfuhr, dachte ich: „Na endlich. Warum haben sie dafür so lange gebraucht?“ Und als ich von der Ankündigung (nicht so sehr der Nachricht als der Bestätigung) hörte, die NSA versuche ernsthaft, einen Quantencomputer zu bauen, dachte ich: „Na endlich! Endlich einmal eine gute Nachricht über die NSA.“

          Der Versuch, einen Quantencomputer zu bauen und echte Mathematiker darüber nachdenken zu lassen, was man damit anfangen könnte, ist genau das, was die NSA tun sollte, statt Hintertüren in Computersoftware einzubauen und weltweites Misstrauen gegen die Vereinigten Staaten zu säen. Die Hauptaufgabe der NSA ist die Sicherung der Kommunikation, nicht das Ausspähen jeglicher Kommunikation. Von der Antwort auf die Frage, ob ein kryptoanalytischer Quantencomputer funktionieren kann oder nicht, wird es ganz entscheidend abhängen, ob wir Codes und Kommunikationskanäle haben werden, die zu knacken „ziemlich unmöglich“ ist.

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