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Die NSA und der Quantencomputer : Das Über-Hirn

  • -Aktualisiert am

Kryptographie und Telekommunikation im 17. Jahrhundert

Das Wettrennen zwischen Verschlüsselung und Entschlüsselung hat sich vom Verhältnis zwischen Staaten auf das Verhältnis zwischen Staat und Individuum verlagert und ist schließlich zu einem Wettstreit zwischen dem Individuum und der Maschine als kollektiver Gesamtheit geworden. Auf wessen Seite sollten wir uns stellen? Wäre für uns eine Welt besser, in der nichts geheim kommuniziert oder geheim bleiben kann außer den Geheimdiensten, oder eine Welt, in der Individuen (einschließlich gefährlicher) weiterhin in der Lage sind, frei über Kanäle zu kommunizieren, die zu knacken „ziemlich unmöglich“ wäre?

Genau 300 Jahre bevor Alan Turing in Bletchley Park mitten in seinen Bemühungen um die Entschlüsselung des Enigma-Systems steckte, veröffentlichte sein Cambridger Vorläufer, der Bischof John Wilkins, eine kurze Abhandlung über Kryptographie und Telekommunikation (einschließlich eines Abschnitts über binäre Codierung) mit dem Titel „Mercury, or The Secret and Swift Messenger: Shewing How a Man may with Privacy and Speed communicate his Thoughts to a Friend at any distance“. Wilkins ging der Frage nach, wie die Fähigkeiten der Kryptographie zwischen der Ermöglichung potentiell kriminellen Verhaltens Einzelner und der Sicherung einer allumfassenden Präventionsmacht des Staates aufgeteilt werden sollten. Er schrieb: „Falls die Befürchtung besteht, diese Abhandlung könne anderen in solch gesetzlosem Tun Vorschub leisten, ist zu bedenken, dass sie nicht nur lehrt, wie man täuschen kann, sondern folgerichtig auch, wie man Täuschungen aufdeckt. Und außerdem sind die wichtigsten Experimente von der Art, dass sie ohne berechtigten Anlass zum Verdacht nicht oft eingesetzt werden können, wenn es in der Macht der Gerichte steht, sie zu verhindern.“

Auf welche Seite würde sich Turing heute schlagen?

Die Aussicht auf einen funktionsfähigen Quantencomputer holt Wilkins’ Frage mitten ins Leben zurück, denn wenn die staatlichen Sicherheitsdienste über einen Quantencomputer verfügten, verschöbe sich das Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Verschlüsselungsfähigkeiten des Einzelnen und den Entschlüsselungsfähigkeiten des Staates plötzlich drastisch zugunsten des Staates, der leicht dekretieren könnte, dass jeder über eine bestimmte Länge hinausgehende Schlüssel per se Anlass zum Verdacht gebe und deshalb verboten werden müsse. „Daraus folgt indessen nicht, dass alles, was missbraucht werden kann, verboten werden muss“, schrieb Wilkins 1641. „Wenn alle nützlichen Erfindungen, die missbraucht werden könnten, deshalb verboten werden sollten, gäbe es keine Kunst oder Wissenschaft, die offen ausgeübt würde.“

Was würde Alan Turing wohl zu Edward Snowden sagen, wenn die beiden zum Beispiel nächsten Donnerstag in einem Londoner Pub zu einem Meinungsaustausch zusammenkämen? Obwohl Turing sich sein Leben lang an seinen nach den Bestimmungen des Official Secrets Act geleisteten Eid hielt (auch wenn das fortbestehende Verbot, über die Arbeit während des Krieges zu sprechen, vollkommen unsinnig war), kann man sich fragen, ob er sich auf Snowdens Seite stellte und dessen Überzeugung teilte, dass die amerikanischen Geheimdienste (und deren britische Kollegen vom GCHQ) zu weit gegangen seien und deshalb die moralische Pflicht bestanden habe, Alarm zu schlagen.

Alan Turing hinterließ eine Reihe mehrdeutiger und widersprüchlicher Hinweise zu der Frage, auf welcher Seite seine Sympathie in dieser Debatte wohl läge. Und es ist heute „ziemlich unmöglich“, sie zu beantworten.

George Dyson

George Dyson

Der Wissenschafts- und Technikhistoriker George Dyson, Jahrgang 1953, ist einer der profiliertesten Experten der Computerwissenschaft, deren Entwicklungen er erklären kann wie kaum ein Zweiter. 2002 veröffentlichte er ein Buch über das Orion-Projekt („Project Orion: The Atomic Spaceship 1957-1965“), für das sein Vater Freeman Dyson ein atomgetriebenes Raumschiff entwickelt hatte.

Das Material, das der Sohn dafür verarbeitete, machte die NSA so neugierig, dass sie ihm Tausende Seiten davon in Kopie abkaufte. Heute ist er Zuletzt erschien von ihm „Turing’s Cathedral: The Origins of the Digital Universe“ (2012).

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