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Die NS-Vergangenheit der Reemtsmas : Skandalisierung garantiert Quote

Ausgerechnet er soll sich nach Darstellung des HR der Aufarbeitung verweigern: Jan Philipp Reemtsma Bild: ddp

Will, wer ein Interview ablehnt, grundsätzlich etwas verschweigen? Das ARD-Kulturmagazin „ttt“ tut so, als wolle Jan Philipp Reemtsma nichts mit der Aufarbeitung der Verwicklungen seiner Familie in der NS-Zeit zu tun haben. Ein absurder Vorwurf.

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          Auf Geschichtsverdrängung hinzuweisen ist gut und richtig. Wenn dies auf der Grundlage von einseitiger Recherche geschieht, ist es fahrlässig und dumm. So geschehen in einem Beitrag der ARD-Sendung „ttt“ („Titel, Thesen, Temperamente“) vom 12. August, der nun Grund für Jan Philipp Reemtsma war, eine einstweilige Verfügung beim Hamburger Landgericht gegen den Hessischen Rundfunk zu erwirken.

          Karen Krüger
          Redakteurin im Feuilleton.

          Unter dem Titel „Die geheimnisvolle Familie Reemtsma - Warum sich eine Dynastie hinter blauem Dunst versteckt“ hatte der Beitrag suggeriert, dass Reemtsma, Vorstand des Hamburger Instituts für Sozialforschung, nicht zu der nationalsozialistischen Vergangenheit seiner Familie stehe. Anlass des Beitrags war das im vergangenen Juni erschienene Buch „Die Reemtsmas - Geschichte einer deutschen Unternehmerfamilie“ des Historikers Erik Linder, das den wirtschaftlichen Aufstieg der Familie und ihre Verstrickung mit dem nationalsozialistischen Regime erzählt - Reemtsmas Vater Philipp Fürchtegott war Wehrwirtschaftsführer und hatte sein Zigarettenimperium durch große Geldspenden an Hermann Göring abgesichert.

          Unter anderen Vorzeichen

          Das Kulturmagazin lobte in dem Beitrag die Arbeit Lindners: Ihm sei es als Erstem gelungen, einige der Reemtsma-Erben zu befragen. In der Tat: Das Buch ist eine faktenreiche Studie, die auf Reißerisches verzichtet und sich um Neutralität bemüht. Offenbar unter anderen Vorzeichen näherte sich dagegen der Hessische Rundfunk dem Sujet: „ttt über eine der erfolgreichsten deutschen Unternehmerfamilien und die Schwierigkeit, die eigene Geschichte aufzuarbeiten“, hieß es im Intro des Beitrags, der im Internet nachzulesen ist.

          Reemtsma habe mit der von ihm initiierten Wehrmachtsausstellung die Verbrechen deutscher Soldaten kenntlich gemacht, heißt es weiter, und dann kommt der Satz, gegen den Reemtsma die einstweilige Verfügung erwirkt hat: „Aber über das Verhalten seiner eignen Familie in der NS-Zeit will er [Jan Philipp Reemtsma] sich nicht äußern.“

          Wer hat sich verweigert?

          Reemtsma ein Vergangenheitsverdränger? Wohl kaum. Er stand Erik Lindner bei dessen Recherchen für Gespräche zur Verfügung. Überdies dürfte jeder, der auch nur etwas Ahnung von der historischen Forschung zum Nationalsozialismus hat, wissen, dass Reemtsma die Verstrickung seiner Familie nie geleugnet hat - auch wenn er nicht selbst ein Buch darüber schrieb. „Man ist nie ein kompetenter Historiker der eigenen Familie, gar des eigenen Vaters“, sagte er vor zwei Jahren in einem Interview mit der „taz“ - und beschritt wohl auch deshalb andere Wege, um mit dem schweren historischen Familienerbe umzugehen: Mit sechsundzwanzig Jahren verkaufte Reemtsma seinen Anteil von einundfünfzig Prozent an dem Unternehmen. Er studierte Geisteswissenschaften und gründete 1984 das Hamburger Institut für Sozialforschung, das sich dezidiert der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Nationalsozialismus widmet.

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