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Amerikanisches Waffenrecht : Das ist eine nationale Schande

  • -Aktualisiert am

Gedenken an die Opfer: Ein Junge kniet an einer provisorischen Gedenkstätte nahe dem Inland Regional Center in San Bernadino, wo vierzehn Menschen starben. Bild: MONICA ALMEIDA/The New York Time

Das gab es noch nie: Die „New York Times“ setzt nach dem Massaker von San Bernadino einen Kommentar auf Seite eins. Sie fordert ein striktes Waffengesetz. Wird der symbolische Akt etwas bewirken?

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          Es reicht. Das ist das Signal, das die „New York Times“ nach dem Massenmord von San Bernardino mit einem Meinungsartikel zum Waffenrecht auf der Titelseite gesetzt hat. Erstmals seit 95 Jahren stand ein Kommentar auf Seite eins der Zeitung. Man wolle „entschieden und weithin sichtbar Stellung nehmen zu der Frustration und Verzweiflung über die Unfähigkeit unserer Nation, mit der Waffen-Plage umzugehen“, sagte der Verleger der Zeitung, Arthur Sulzberger Jr.

          „Beendet die Waffen-Epidemie in Amerika“ ist das Stück überschrieben, in dem die Redaktion deutliche Worte für den Waffenbesitz in Amerika findet. „Es ist ein moralischer Frevel und eine nationale Schande, dass Zivilisten rechtmäßig Waffen kaufen können, deren Zweck es ist, Menschen mit brutaler Geschwindigkeit und Effizienz zu töten“, heißt es da. „Dies sind Kriegswaffen, beworben als Werkzeuge einer Macho-Bürgerwehr, sogar eines Aufstands. Die gewählten Führer Amerikas sprechen Gebete für Waffenopfer und lehnen dann, kaltschnäuzig und ohne Furcht vor Konsequenzen, die grundsätzlichsten Einschränkungen für Massenmord-Waffen ab, wie sie das am Donnerstag taten.“

          „Das sind alles Akte des Terrorismus“

          Gemeint ist die bis auf Mark Kirk aus Illinois einstimmige Ablehnung eines Gesetzentwurfs durch die Republikaner im Senat, der zumindest Leuten, die vom FBI wegen des Verdachts auf Terrorismus beobachtet werden, den Erwerb von Waffen und Sprengstoff verunmöglichen würde. Auch die vier republikanischen Senatoren, die sich um die Präsidentschaft bewerben, stimmten gegen den Gesetzentwurf sowie einen weiteren, der eine genauere Überprüfung von Waffenkäufern vorsieht. Die „Times“ beklagte, dass „man uns mit Streitereien über das Wort ,Terrorismus‘ ablenkt. Sagen wir es, wie es ist: Diese Massenmorde sind alle auf ihre eigene Weise Akte des Terrorismus.“ Die Zeitung forderte, Zivilisten dürften nicht mehr an Sturmgewehre kommen: „Das würde von Amerikanern, die solche Waffen besitzen, verlangen, sie zum Wohl ihrer Mitbürger abzugeben.“

          „The Gun Epidemic“: Der Leitartikel auf der Titelseite der „New York Times“.

          Für die Leser der „Times“ ist diese Forderung nicht neu. Was ins Auge fällt, ist die Dringlichkeit. Man mag anführen, dass in einem Zeitalter, in dem die meisten Menschen die Zeitung im Internet lesen, die Aufmachung der gedruckten Ausgabe nur symbolischen Wert hat. Doch das Gewicht der Plazierung entgeht nur wenigen. Die „Washington Post“ bemerkte, die „Times“ habe eine journalistische Mauer eingerissen, indem sie den Kommentar an eine Stelle hob, die normalerweise für Nachrichten reserviert ist. In einem weiteren Artikel mahnte die „Post“, den von vielen schon verlorengeglaubten Kampf gegen die Waffenlobby nicht aufzugeben. Die „Times“ habe ein Signal gesetzt, dass das Thema sich zur Krise verschärft habe, und Krisen gingen historisch einem fundamentalen gesellschaftlichen Wandel voraus.

          Die Krise beschwor auch die „New York Daily News“. Das Boulevardblatt sorgte mit einer provokanten Titelseite für Aufsehen. „Gott behebt dies nicht“, stand da in großen Lettern, gerahmt von den Twitter-Reaktionen führender republikanischer Politiker auf das Attentat in San Bernardino, die bekannten, sie schlössen die Opfer in ihre Gebete ein. Das Wort „Gebete“ hob die Zeitung jeweils hervor. Darunter fand sich die Zeile: „Während die jüngste Menge unschuldiger Amerikaner in ihrem Blut liegt, verstecken sich die Feiglinge, die die Waffenplage beenden könnten, hinter bedeutungslosen Plattitüden.“ Am Tag darauf nannte das Blatt den Attentäter Syed Farook einen Terroristen – um dann vier weitere amerikanische Amokläufer sowie den Chef der Waffenlobby National Rifle Association, Wayne LaPierre, in diese Kategorie einzuschließen.

          „Das übliche liberale Geschwätz“?

          Es kommt nicht eben oft vor, dass die Qualitätszeitung und das Boulevardblatt aus New York einer Meinung sind, schon gar nicht, dass sie dies auf derart demonstrative Weise kundtun. Auf Twitter und Facebook fand das ein breites Echo. Der Gegenschlag ließ jedoch nicht lange auf sich warten. Der republikanische Präsidentschaftskandidat Chris Christie tat den „Times“-Artikel als „das übliche liberale Geschwätz“ ab, der konservative Blogger Erick Erickson veröffentlichte auf Twitter ein Foto, das den Titelkommentar der „Times“ von sieben Einschusslöchern durchsiebt zeigt, unter großem Zuspruch seiner Follower. „Kommt und holt sie“, geriet zum Mantra von Waffennarren auf Twitter.

          Der Tonfall der Debatte könnte nicht unversöhnlicher sein, die Positionen sind maximal verhärtet. Ob der Graben überhaupt noch zu überbrücken ist? Eine BBC-Reportage zu dem Attentat von San Bernardino setzte mit einer Einlassung an, die man für sarkastisch oder defätistisch halten mochte: „Ein weiterer Tag in den Vereinigten Staaten von Amerika – ein weiterer Tag mit Waffenfeuer, Panik und Angst. Diesmal in der Stadt San Bernardino in Kalifornien.“

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