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Neuer Lockdown der Kultur : Ein Affront gegen Kulturschaffende

Das Aktionsbündnis AlarmstufeRot hat am 28.Oktober 2020 mit einer Demonstration in Berlin auf die schwierige Lage der Veranstaltungsbranche in der Corona-Krise aufmerksam gemacht. Bild: Imago

Theater, Opern und Konzerthäuser in Deutschland werden vom 2. November an wieder für vier Wochen geschlossen. Doch die Begründungen der Politiker dafür dürfen mit Recht angezweifelt werden.

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          Nun ist es heraus: „Veranstaltungen, die der Unterhaltung dienen, werden untersagt“, teilte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwochabend auf ihrer Pressekonferenz in Berlin mit. Theater, Opern- und Konzerthäuser werden vom 2. November an für vier Wochen ausnahmslos geschlossen. Weder Festivals noch Einzelkonzerte, auch an anderen, nicht-institutionalisierten Orten, werden stattfinden können. Nach zwei Wochen will man prüfen, ob sich die Maßnahmen lockern lassen. Möglicherweise können sie aber auch im Dezember noch andauern.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Nachricht ist schockierend für alle Kulturschaffenden. Den Theatern und Opern, denen ohnehin schon viele Einnahmen weggebrochen sind und die sich dem Finanzierungsvorbehalt ihrer klammen Träger ausgesetzt sehen, gehen die umsatzstärksten Wochen verloren. Jetzt finden für gewöhnlich Generationen im Zuschauerraum zusammen bei „Zauberflöte“, „Hänsel und Gretel“, „Nussknacker“ und „Schneekönigin“. Jetzt, zwischen Allerseelen und Totensonntag, gibt es sonst überall Musik von Trauer und Trost in den Kirchen, gefolgt von den vier Wochen mit Adventskonzerten. Für all die freiberuflichen Sänger und Ensembles, denen schon die Passionszeit vor Ostern wegbrach, ist diese neue Nachricht eine Katastrophe. Das Veranstaltungsverbot trifft sie wirtschaftlich ins Mark.

          Versäumnisse der Politik, nicht der Kultur

          Noch bis zum Schluss hatte der Deutsche Bühnenverein versucht, diese komplette Schließung zu verhindern mit der immer wieder vorgebrachten Begründung, es sei bislang keine einzige Infektion bekannt geworden, die sich auf den Besuch im Zuschauerraum eines Theaters, einer Oper oder eines Konzertsaals zurückführen ließe. Auch von der Gastronomie, die sich ebenfalls mit einem totalen Schließungsgebot konfrontiert sieht, hatte es noch am Mittwochmorgen in einem vertraulichen Papier des Robert-Koch-Instituts geheißen, sie sei kein Treiber des Infektionsgeschehens.

          Auf solche Argumente mochte sich die Kanzlerin nicht mehr einlassen. Drei Viertel der Infektionen seien nicht mehr nachverfolgbar auf deren Quelle hin, sagte sie, weshalb man gar nicht behaupten könne, dass bestimmte Bereiche des öffentlichen Lebens nicht zum Infektionsgeschehen beitragen. Stefan Willich, Direktor des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Berliner Charité, hält indes solch eine Behauptung für spekulativ, wie er es unmittelbar nach der Pressekonferenz dieser Zeitung mitteilte. Die Hygienekonzepte der meisten Kultureinrichtungen seien überaus konsequent. Ihnen könne man nicht anlasten, dass sich das Infektionsgeschehen kaum noch nachverfolgen lasse. Eher habe dieser Umstand mit einem Versäumnis der Politik zu tun, die es unterlassen habe, die Gesundheitsämter rechtzeitig aufzurüsten. Diese seien nun vor allem aufgrund mangelnden Personals nicht mehr in der Lage, ihre Aufgabe zu erfüllen.

          Wenn Bayerns Ministerpräsident Markus Söder die Kulturschaffenden zu beschwichtigen versucht, man müsse anerkennen, dass sie sich „unglaublich viel Mühe gegeben“ haben und dass man sie „nicht vor den Kopf stoßen“ wolle, so tut die Bundespolitik jetzt genau das. Stefan Willich hält diese Beschlüsse für einen „Affront gegen Kulturschaffende“ und nennt die Begründungen dafür „wissenschaftlich nicht belastbar“.

          Auch die Berufung auf die schnell wachsenden Verdopplungsraten bei der Nutzung von Intensivbetten durch Covid-19-Patienten in den Krankenhäusern verwundert. Sie liegt in Berlin zurzeit bei neun Prozent. Außerhalb Berlins dürfte sie niedriger sein. Als Grenzwert mit genügend Spielraum für eine angemessene medizinische Versorgung hatte man sich schon vor Monaten auf 25 Prozent geeinigt. Davon seien wir, so Willich, in Deutschland deutlich entfernt. Aber, das wird man der klar rechnenden Kanzlerin zugutehalten müssen, bei einem wirklich exponentiell ansteigenden Wachstum der Infektionsraten und schweren Krankheitsverläufe könnten wir uns diesem Wert sehr schnell nähern.

          Die Politik hat klare Prioritäten gesetzt: Aufrechterhaltung des Wirtschaftslebens sowie des Betriebs von Kindertagesstätten und Schulen. Der Kulturbetrieb gehört zum Wirtschaftsleben nicht dazu. Wenn man sich die Zahlen des Statistischen Bundesamtes für 2018 ansieht, weiß man auch, warum. Theater, Opern- und Konzerthäuser machten in Deutschland insgesamt einen Jahresumsatz von 8,8 Milliarden Euro. Das sind weniger als 0,3 Prozent der Bruttowertschöpfung. Da braucht man über Systemrelevanz gar nicht erst zu diskutieren, selbst wenn man die Vervierfachung der Umsätze durch Umwegrentabilität noch einrechnet. Die Bundesregierung hat hier, wie fragwürdig die wissenschaftliche Begründung für ihre Maßnahmen auch sein mag, knallhart kalkuliert.

          Zudem trifft die Schließung der Kultureinrichtungen ein Publikum, das ohnehin nur sieben bis zehn Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. So viele Menschen nämlich besuchen diese Einrichtungen regelmäßig. Sie gelten auch als besonders zivilisiert, anders als die Anhänger der Partyszene. Wenn man schon Feiern in kleinen Gruppen verbietet, kann man schwer Opern- und Theatervorstellungen mit mehreren hundert oder - wie momentan in Österreich noch erlaubt - tausend Besuchern zulassen, vor allem dann nicht, wenn man an die öffentliche Symbolwirkung von Kunst glaubt. Will man dieses Land in Frieden halten und verhindern, dass wir ein bundesweites Stuttgart bekommen oder Zustände wie kürzlich in Rom, dann kommt man nicht umhin, massenpsychologische Vernunft in den nun beschlossenen Maßnahmen zu erkennen. Das aber sind andere Gründe, als sie die Politik uns nennt.

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