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Neue Deutsche : Nennt mich Ausländer!

Bin ich deutsch, kann ich es sein? Unsere Autorin (Mitte) möchte lieber Ausländerin bleiben Bild: Julia Zimmermann

Die Neuen Deutschen organisieren sich. Neu sind sie, weil ihre Eltern oder Großeltern einst aus dem Ausland kamen. Deutsch sind sie, weil sie keine Ausländer mehr sein wollen. Warum eigentlich, was ist daran so schlimm?

          7 Min.

          Der Ausländer - so nannten sie mich, die Fast-Freunde, die Absolut-Feinde, die Lehrer, die Hausmeisterfamilie, auf meiner ersten deutschen Schule, in meinen ersten deutschen Jahren. Immerzu hieß es und heißt es auch heute über Menschen wie mich nur „der“ Ausländer - selbst wenn der Ausländer eine Frau ist, weil das Wort nur im Maskulin so stählern und fest kommt, wie es stählern und fest kommen soll.

          Anna Prizkau
          Redakteurin im Feuilleton.

          Doch in meinen ersten Deutschjahren kannte ich noch kein Genus, wusste nicht, wie diese Sprache überhaupt funktioniert. Da es aber sehr wenige Ausländer auf meiner ersten Schule gab und wir wenigen immer mit Ausländer angesprochen worden sind, dachte ich, dass es etwas Besonderes sei, dachte, wir wären Prinzen und Prinzessinnen. Mit diesem Sinn setzte sich das Ausländer-Wort sehr schnell sehr fest in meinen Kopf, in dem zu der Zeit noch kaum deutsche Wörter waren. Erst drei oder vier Jahre später begriff ich, wie herablassend dieses Wort gemeint war. Und heute nenne ich mich immer noch Ausländer. Vielleicht hoffe ich unbewusst, dass sich darin doch irgendwo eine Prinzessin versteckt. Unvernünftig, ich weiß. Aber so sind wir, die Ausländer, immerzu irrational, immerzu emotional.

          Sie wollen selbst entscheiden, wie sie genannt werden

          Doch jetzt wollen wir, jedenfalls manche von uns, anders sein und auf keinen Fall Ausländer mehr. Und das fängt bei der Selbstbezeichnung schon an. Die einen nennen sich Neue Deutsche, die anderen sagen, sie seien Menschen mit einem zweiten Background. Diese Menschen verkrampfen sich, einige kriegen sogar Schwindelanfälle, wenn sie Wörter wie Ausländer oder Integration, aber auch Migrant oder Migrationshintergrund aussprechen sollen. Und wenn sie die Wörter doch sagen, dann nur mit einer Anführungszeichen-Finger-Bewegung.

          Müssen sie das Ausländer-Wort aufschreiben, dann tun sie es auch nur mit Anführungsstrichen, wie die Neue-Deutsche-Organisationen in ihrer Resolution zum Beispiel. Diese Neue-Deutsche-Organisationen sind Ausländer- oder Migrantenvereine, die nicht mehr als Ausländer- oder Migrantenvereine bezeichnet werden wollen - weshalb sie die Wörter auch in jene Satzzeichen setzen. Diese „Ausländer- oder Migrantenvereine“ also haben sich Anfang des Monats zu ihrem ersten Bundeskongress in Berlin getroffen, um über das von ihnen herbeigesehnte Neue-Deutsche-Sein zu sprechen. „Wir wollen selbst entscheiden, wie wir genannt werden“, heißt die erste Forderung von dreizehn, die sie in ihrer Bundeskongress-Resolution formulieren.

          Deutschland ist nicht Amerika

          Schön ist das, aber auch falsch, da es so nicht funktioniert. Nur weil jemand sagt, er sei deutsch - egal ob neu oder nicht -, werden die meisten ihn nicht als deutsch ansehen, solange Name und Phänotyp nicht dem deutschen Stereotyp entsprechen. Und so entscheiden immer die anderen über die eigene Bezeichnung. Ich bin ein Ausländer, weil ich für alle immer ein Ausländer war.

          Ja, es wäre so toll, wie utopisch, wenn in Deutschland jeder Ausländer mit deutschem Pass auf einmal ein Deutscher wäre, so wie in Amerika jeder Ausländer mit amerikanischem Pass ein Amerikaner ist. Aber Deutschland ist nicht Amerika. Und das, obwohl es das zweit-beliebteste Einwanderungsland der Welt ist. Deshalb wollen die Neue-Deutsche-Organisationen „auch ein Bekenntnis zur Einwanderungsgesellschaft“. Wer sich bekennen soll, sagen sie in ihrer Resolution direkt aber nicht. Überhaupt bestehen die meisten Forderungen der Neue-Deutsche-Organisationen mehr aus Gefühlen als aus Gedanken. Diese Gefühle kenne ich auch und auch den Wunsch, sie aufzuschreiben, sie zu sagen. Aber auf dem Papier der Neue-Deutsche-Organisationen ähneln sie sehr dem Gewäsch, das gutherzige Politiker gerne aufsagen.

          Die unmenschliche Frage nach dem Nutzen

          Doch es gibt auch Konkretes, was die Neuen Deutschen da fordern, „eine Diskussion über Quoten“ zum Beispiel. Und das ist ein Punkt, bei dem mich der Typisch-Ausländer-Tobsuchtsanfall überkommt. Denn schon immer richten Zahlen über uns. Eine Zahl zu sein ist auch mein Leben. Eine Zahl etwa für gelungene Integration.

          Zu oft rechnen Studien vor, wie sich Ausländer rechnen. Ja, ihr lohnt euch für Deutschland, zumindest rein finanziell, sagen sie uns dann direkt ins Gesicht. So wie die letzte Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. 2012 brachten Ausländer ohne einen deutschen Pass dem Staat 22 Milliarden Euro mehr ein, als sie ihn kosteten, das ist ihre gute Nachricht. Die schlechte ist, dass es die Studie überhaupt gibt. Da sie so unmenschlich fragt, was für einen Nutzen Ausländer der deutschen Wirtschaft so bringen. Ja, es ist die Natur von Studien und Berichten, Menschen als Zahlen zu behandeln. Und ja, vielleicht braucht es solche Studien und Berichte, um diejenigen irrationalen, aufgeregten und hysterischen Deutschen zu beruhigen, die sich auf ihren nicht besonders ausländerfreundlichen Montagsdemonstrationen und in AfD-Werbekampagnen vom gleichen Format nun so irrational, aufgeregt und hysterisch verhalten, wie es sonst nur Ausländer können.

          Aggressionen, Anpassung, Trotz oder Rückzug

          Ob Deutsche sich überhaupt lohnen, das fragt vermutlich keine einzige Studie keiner einzigen Stiftung. Wir - Ausländer, Migranten, Einwanderer, Flüchtlinge, Aussiedler - sind Zahlen, die anderen sind Menschen. Und deswegen sollten wir aus uns selbst keine Zahlen machen. Und deswegen ist die Quote für Ausländer so falsch. Besser wäre es, besser zu sein.

          Aber wie kommen die Neue-Deutsche-Organisationen auf ihre Ideen, die sich selbst ruinierende Idee mit der Quote, oder auch die andere, die gute Idee, sich engagieren zu wollen? Deutschland selbst bringt sie darauf. Dieses Land, das immerzu sagt, wer dazugehört und wer nicht. Klar, Ausländer wollen ein Teil werden von Deutschland, denn sie oder ihre Eltern sind hierhergekommen, weil es hier besser ist als in ihrem eigenen Land. Es ist unser unbedingter Wunsch, dazuzugehören, und er ist das Tragischste am Ausländer-Sein. Denn das Dazugehören muss man sich hier erst erarbeiten. Und oft funktioniert es überhaupt nicht, egal wie hart man gearbeitet hat. So wie meine Mutter, eine Akademikerin, die am Telefon ihrer Firma sehr oft für die Putzfrau gehalten wird, weil ein Akzent ihre Sprache einfärbt. Nach zwanzig Arbeitsjahren in Deutschland wird sie im Alltag immer noch gekränkt, genauso wie sehr viele Ausländer im Alltag gekränkt werden. Die Verletzten flüchten sich entweder in Aggressionen, Anpassung, Trotz oder in einen Rückzug.

          Endlich ein Teil der Gesellschaft werden

          Meine Mutter hat sich inmitten des Fremd-Seins in Deutschland für den Rückzug entschieden: Auf dem Balkon steht jetzt ein grauer Riese, der Fernsehprogramme aus der Heimat empfängt. Ihre Freunde sind die Freunde aus der Schule geblieben, weshalb die Freundschaften auch nur im Internet und am Telefon leben. Sie spricht und liest, wenn sie nicht arbeitet, fast nur in ihrer Muttersprache, meiner Muttersprache. Und ich kann sie verstehen.

          Genauso verstehe ich einige Aggressionen der Ausländer, die kriminell werden, weil sie in Deutschland nichts anderes werden können. So verlief auch das Leben eines Absolut-Freundes aus meinen ersten Deutschjahren. Lange teilten wir das Ausländerkind-Schicksal. Doch im Vergleich zu ihm war ich immer ein Luxusausländer. Der Bundesadler-Pass, den ich bekam, blieb ihm verwehrt. Und die Akzeptanz, die ich wegen meines phäno-deutschen Aussehens, meiner viel weißeren Haut erhielt, erlebte er ebenfalls nie. Er fing an, sich zu prügeln, Autos zu stehlen, und wurde sehr oft von der Polizei abgeholt. Was er heute macht, weiß ich nicht. Aber ich weiß, es gibt viele wie ihn.

          Oder es ist das Verlangen danach, dazuzugehören, zusammen mit der gleichzeitigen Ablehnung, was Ausländer dazu bringt, deutscher zu werden als Deutsche. Sie vergessen ihre Muttersprache, werden zu ewigen Karrieristen und Bürokraten. Und wie viele Deutsche - aber aus anderen Gründen natürlich - sprechen sie nicht über ihre Großeltern und Eltern. So hoffen sie, endlich ein Teil dieser Gesellschaft werden zu können.

          Im Moment denkt Deutschland in eine andere Richtung

          Und dann gibt es die anderen, die Trotzigen, die es noch nicht so lange hier gibt. Diejenigen, die Rechte einfordern. Zu ihnen gehören auch die Vertreter der Neue-Deutsche-Organisationen. Diese Menschen sind für mich fremd, denn ich verstehe sie nicht. Und das, obwohl sie und ich nicht so verschieden sein müssten. Da wir wahrscheinlich in Deutschland als die Vorzeige-Migranten gelten. Da wir wahrscheinlich ähnliche Probleme hier haben. Ja, auch als Vorzeige-Migranten, auch nach so vielen Jahren in Deutschland, auch in Berlin, erleben wir wahrscheinlich den gleichen Alltagsrassismus. Ich selbst beim Telefonieren in meiner Muttersprache zum Beispiel: Immer wieder macht es manche Menschen so wütend, dass sie anfangen, mich zu beschimpfen. Doch diese Situationen sind klein im Vergleich dazu, was andere erleben. Und weil so viele Ausländer so viel anderes Gleiches erleben, ist es vielleicht ja doch an der Zeit, dass diese Neue-Deutsche-Organisationen jetzt kommen und sagen: Mit der Diskriminierung ist nun endgültig Schluss.

          Endlich, könnte man darauf als Ausländer hysterisch und glücklich-laut brüllen. Ich aber nicht. Denn die Neuen Deutschen haben offenbar sehr viel und lange über das Land nachgedacht und es trotzdem nicht ganz verstanden, vielleicht wollten sie es sogar nicht verstehen. „Die Zahl der Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte und der rechtsextremistischen Straftaten sind seit Pegida stark gestiegen - uns fehlt der gesamtgesellschaftliche Aufschrei“, sagen sie, und so ist es ja auch, doch dann sagen sie, Deutschland müsse man einfach neu denken. Ja, aber im Moment denkt Deutschland selbst offenbar in eine ganz andere Richtung als sie.

          Vielleicht sollten wir einfach Ausländer bleiben

          Die deutsche Gesellschaft ist, wie gesagt, keine Einwanderungsgesellschaft, ist nicht zu vergleichen mit Amerika oder Frankreich. Einwanderung gibt es hier erst seit fünfzig Jahren. Wenn überhaupt wird die Zeit Deutschland und Deutsche verändern und nicht die Forderung einer neuen Bewegung und auch nicht das Engagement dieser Organisationen, obwohl sie im Kleinen einzelnen Menschen doch helfen.

          In ihren paradoxen, realitätsfernen Thesen lebt nur die gleiche Art Widerspruch, wie der, der ihr Leben, und auch meines, immer beherrscht: das Anders-Sein, aber auch Deutsch-Sein-Wollen zugleich. Sie wollen etwas von Deutschland, was es nicht kann. Denn es funktioniert absolut anders: Entweder man löst sich hier in bedingungsloser Anpassung auf oder bleibt für immer am Rand.

          In ein paar Jahrzehnten vielleicht wird sich daran etwas ändern. Vielleicht aber auch nicht. Ich bin keine Hellseherin, sondern ein Ausländer. Und deshalb denke ich auch, sollten wir einfach Ausländer bleiben, im Leben und im Begriff. Denn es ist schon ein Anfang, sich die Wörter zu nehmen, die Deutsche sich für uns genommen haben. Außerdem bedeutet Ausländer-Sein viel mehr als Deutsch-Sein, bedeutet Dazwischen-Sein, das ein schönes, irrationales, geordnetes, hysterisches und manchmal auch bürokratisches Sein ist. Bringen wir das Ausländer-Wort endgültig um seine böse Bedeutung. Dann sollen sich diejenigen, die uns ausgrenzen wollen, doch ein neues Ausländer-Wort überlegen. Wir haben genug andere Probleme. Und egal, worauf sie auch kommen, wir bleiben hier. Das wird wiederum für einige ein Problem bleiben, doch es ist nicht unser Problem.

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