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Neue Deutsche : Nennt mich Ausländer!

Bin ich deutsch, kann ich es sein? Unsere Autorin (Mitte) möchte lieber Ausländerin bleiben Bild: Julia Zimmermann

Die Neuen Deutschen organisieren sich. Neu sind sie, weil ihre Eltern oder Großeltern einst aus dem Ausland kamen. Deutsch sind sie, weil sie keine Ausländer mehr sein wollen. Warum eigentlich, was ist daran so schlimm?

          Der Ausländer - so nannten sie mich, die Fast-Freunde, die Absolut-Feinde, die Lehrer, die Hausmeisterfamilie, auf meiner ersten deutschen Schule, in meinen ersten deutschen Jahren. Immerzu hieß es und heißt es auch heute über Menschen wie mich nur „der“ Ausländer - selbst wenn der Ausländer eine Frau ist, weil das Wort nur im Maskulin so stählern und fest kommt, wie es stählern und fest kommen soll.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Doch in meinen ersten Deutschjahren kannte ich noch kein Genus, wusste nicht, wie diese Sprache überhaupt funktioniert. Da es aber sehr wenige Ausländer auf meiner ersten Schule gab und wir wenigen immer mit Ausländer angesprochen worden sind, dachte ich, dass es etwas Besonderes sei, dachte, wir wären Prinzen und Prinzessinnen. Mit diesem Sinn setzte sich das Ausländer-Wort sehr schnell sehr fest in meinen Kopf, in dem zu der Zeit noch kaum deutsche Wörter waren. Erst drei oder vier Jahre später begriff ich, wie herablassend dieses Wort gemeint war. Und heute nenne ich mich immer noch Ausländer. Vielleicht hoffe ich unbewusst, dass sich darin doch irgendwo eine Prinzessin versteckt. Unvernünftig, ich weiß. Aber so sind wir, die Ausländer, immerzu irrational, immerzu emotional.

          Sie wollen selbst entscheiden, wie sie genannt werden

          Doch jetzt wollen wir, jedenfalls manche von uns, anders sein und auf keinen Fall Ausländer mehr. Und das fängt bei der Selbstbezeichnung schon an. Die einen nennen sich Neue Deutsche, die anderen sagen, sie seien Menschen mit einem zweiten Background. Diese Menschen verkrampfen sich, einige kriegen sogar Schwindelanfälle, wenn sie Wörter wie Ausländer oder Integration, aber auch Migrant oder Migrationshintergrund aussprechen sollen. Und wenn sie die Wörter doch sagen, dann nur mit einer Anführungszeichen-Finger-Bewegung.

          Müssen sie das Ausländer-Wort aufschreiben, dann tun sie es auch nur mit Anführungsstrichen, wie die Neue-Deutsche-Organisationen in ihrer Resolution zum Beispiel. Diese Neue-Deutsche-Organisationen sind Ausländer- oder Migrantenvereine, die nicht mehr als Ausländer- oder Migrantenvereine bezeichnet werden wollen - weshalb sie die Wörter auch in jene Satzzeichen setzen. Diese „Ausländer- oder Migrantenvereine“ also haben sich Anfang des Monats zu ihrem ersten Bundeskongress in Berlin getroffen, um über das von ihnen herbeigesehnte Neue-Deutsche-Sein zu sprechen. „Wir wollen selbst entscheiden, wie wir genannt werden“, heißt die erste Forderung von dreizehn, die sie in ihrer Bundeskongress-Resolution formulieren.

          Deutschland ist nicht Amerika

          Schön ist das, aber auch falsch, da es so nicht funktioniert. Nur weil jemand sagt, er sei deutsch - egal ob neu oder nicht -, werden die meisten ihn nicht als deutsch ansehen, solange Name und Phänotyp nicht dem deutschen Stereotyp entsprechen. Und so entscheiden immer die anderen über die eigene Bezeichnung. Ich bin ein Ausländer, weil ich für alle immer ein Ausländer war.

          Ja, es wäre so toll, wie utopisch, wenn in Deutschland jeder Ausländer mit deutschem Pass auf einmal ein Deutscher wäre, so wie in Amerika jeder Ausländer mit amerikanischem Pass ein Amerikaner ist. Aber Deutschland ist nicht Amerika. Und das, obwohl es das zweit-beliebteste Einwanderungsland der Welt ist. Deshalb wollen die Neue-Deutsche-Organisationen „auch ein Bekenntnis zur Einwanderungsgesellschaft“. Wer sich bekennen soll, sagen sie in ihrer Resolution direkt aber nicht. Überhaupt bestehen die meisten Forderungen der Neue-Deutsche-Organisationen mehr aus Gefühlen als aus Gedanken. Diese Gefühle kenne ich auch und auch den Wunsch, sie aufzuschreiben, sie zu sagen. Aber auf dem Papier der Neue-Deutsche-Organisationen ähneln sie sehr dem Gewäsch, das gutherzige Politiker gerne aufsagen.

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