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Neue Deutsche : Nennt mich Ausländer!

Oder es ist das Verlangen danach, dazuzugehören, zusammen mit der gleichzeitigen Ablehnung, was Ausländer dazu bringt, deutscher zu werden als Deutsche. Sie vergessen ihre Muttersprache, werden zu ewigen Karrieristen und Bürokraten. Und wie viele Deutsche - aber aus anderen Gründen natürlich - sprechen sie nicht über ihre Großeltern und Eltern. So hoffen sie, endlich ein Teil dieser Gesellschaft werden zu können.

Im Moment denkt Deutschland in eine andere Richtung

Und dann gibt es die anderen, die Trotzigen, die es noch nicht so lange hier gibt. Diejenigen, die Rechte einfordern. Zu ihnen gehören auch die Vertreter der Neue-Deutsche-Organisationen. Diese Menschen sind für mich fremd, denn ich verstehe sie nicht. Und das, obwohl sie und ich nicht so verschieden sein müssten. Da wir wahrscheinlich in Deutschland als die Vorzeige-Migranten gelten. Da wir wahrscheinlich ähnliche Probleme hier haben. Ja, auch als Vorzeige-Migranten, auch nach so vielen Jahren in Deutschland, auch in Berlin, erleben wir wahrscheinlich den gleichen Alltagsrassismus. Ich selbst beim Telefonieren in meiner Muttersprache zum Beispiel: Immer wieder macht es manche Menschen so wütend, dass sie anfangen, mich zu beschimpfen. Doch diese Situationen sind klein im Vergleich dazu, was andere erleben. Und weil so viele Ausländer so viel anderes Gleiches erleben, ist es vielleicht ja doch an der Zeit, dass diese Neue-Deutsche-Organisationen jetzt kommen und sagen: Mit der Diskriminierung ist nun endgültig Schluss.

Endlich, könnte man darauf als Ausländer hysterisch und glücklich-laut brüllen. Ich aber nicht. Denn die Neuen Deutschen haben offenbar sehr viel und lange über das Land nachgedacht und es trotzdem nicht ganz verstanden, vielleicht wollten sie es sogar nicht verstehen. „Die Zahl der Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte und der rechtsextremistischen Straftaten sind seit Pegida stark gestiegen - uns fehlt der gesamtgesellschaftliche Aufschrei“, sagen sie, und so ist es ja auch, doch dann sagen sie, Deutschland müsse man einfach neu denken. Ja, aber im Moment denkt Deutschland selbst offenbar in eine ganz andere Richtung als sie.

Vielleicht sollten wir einfach Ausländer bleiben

Die deutsche Gesellschaft ist, wie gesagt, keine Einwanderungsgesellschaft, ist nicht zu vergleichen mit Amerika oder Frankreich. Einwanderung gibt es hier erst seit fünfzig Jahren. Wenn überhaupt wird die Zeit Deutschland und Deutsche verändern und nicht die Forderung einer neuen Bewegung und auch nicht das Engagement dieser Organisationen, obwohl sie im Kleinen einzelnen Menschen doch helfen.

In ihren paradoxen, realitätsfernen Thesen lebt nur die gleiche Art Widerspruch, wie der, der ihr Leben, und auch meines, immer beherrscht: das Anders-Sein, aber auch Deutsch-Sein-Wollen zugleich. Sie wollen etwas von Deutschland, was es nicht kann. Denn es funktioniert absolut anders: Entweder man löst sich hier in bedingungsloser Anpassung auf oder bleibt für immer am Rand.

In ein paar Jahrzehnten vielleicht wird sich daran etwas ändern. Vielleicht aber auch nicht. Ich bin keine Hellseherin, sondern ein Ausländer. Und deshalb denke ich auch, sollten wir einfach Ausländer bleiben, im Leben und im Begriff. Denn es ist schon ein Anfang, sich die Wörter zu nehmen, die Deutsche sich für uns genommen haben. Außerdem bedeutet Ausländer-Sein viel mehr als Deutsch-Sein, bedeutet Dazwischen-Sein, das ein schönes, irrationales, geordnetes, hysterisches und manchmal auch bürokratisches Sein ist. Bringen wir das Ausländer-Wort endgültig um seine böse Bedeutung. Dann sollen sich diejenigen, die uns ausgrenzen wollen, doch ein neues Ausländer-Wort überlegen. Wir haben genug andere Probleme. Und egal, worauf sie auch kommen, wir bleiben hier. Das wird wiederum für einige ein Problem bleiben, doch es ist nicht unser Problem.

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