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Netzkonferenz re:publica : Das Universum, vom Neuland aus gesehen

Behält man mit einer VR-Brille vor Augen den Durchblick? Dieser Besucher der re:publica probiert es aus. Bild: Imago

Warum nur die digitale Welt verändern, wenn die analoge doch auch taumelt? Auf der Netzkonferenz re:publica ist zumindest schnell ausgemacht, wer für die Miseren aller Art verantwortlich sein soll.

          Der Bedeutungszuwachs der re:publica als Konferenz für alles Digitale lässt sich in diesem Jahr an einer Personalie festmachen: Mit Frank-Walter Steinmeier hat erstmals ein Bundespräsident die Veranstaltung eröffnet. Geradezu traditionell ist dagegen bereits der Auftritt von Sascha Lobo am ersten Abend, und ähnlich gut besucht wie der Steinmeiers – schließlich ist Sascha Lobo so etwas wie der Bundespräsident von Neuland. Beide waren sich einig, dass es so nicht weitergehen kann, kämpften allerdings an unterschiedlichen Fronten. Steinmeier prangerte die Verrohung von Debatten im Internet an, Lobo kaprizierte sich auf das Klima.

          Nur an einem Detail merkte man, dass Steinmeier nicht auf der Linie der meisten anderen Stimmen auf der re:publica lag: Er machte, wenig überraschend, hauptsächlich die Einzelnen für ihr Fehlverhalten verantwortlich. Nicht die Plattformbetreiber, unter deren Augen die Diskussionen immer wieder eskalieren, obwohl er betonte, diese müssten sich selbstverständlich an die Regeln halten, wenn sie in Deutschland Geld verdienen wollten. Lobo indes ging in seinem mitreißenden Vortrag weiter: Er habe sich früher am Strand immer über die Menschen aufgeregt, die Getränkedosen und Plastikmüll dort liegen ließen, sagte er. Aber das sei falsch. Man müsse die Unternehmen in die Verantwortung nehmen, die die Dosen und Tüten hergestellt haben.

          Diese Perspektive ist erstens gar nicht konsequent weiterzuführen – wenn Menschen ihre alte Waschmaschine am Ufer eines Sees entsorgen, was ja durchaus vorkommt, ist dann der Hersteller der Waschmaschine verantwortlich? Und was darf man dann überhaupt noch herstellen? Zweitens begibt man sich damit in einen sonderbaren Widerspruch zur Forderung nach einer mündigen Zivilgesellschaft. Wenn man den Menschen so weit vertraut, dass der Staat nicht jede Kleinigkeit regeln muss, müssen sich die Menschen entsprechend verhalten. Seinen Müll nicht einfach fallen zu lassen, wo man geht und steht, zählt sicher zu den zumutbarsten Erwartungen, die man an Erwachsene stellen kann.

          Das Misstrauen gegenüber Konzernen gehört zum Spirit der re:publica. Dass es dort Raum bekommt, ist wichtig, weil die meisten Internetnutzer im Alltag keinen Gedanken daran verschwenden. Wer liest sich schon meterlange Nutzungsbedingungen wirklich durch, ehe er auf „Bestätigen“ klickt? Und wer lässt sich wie Katharina Nocun von Internetfirmen eine Übersicht der Daten schicken, die diese von ihm gespeichert haben? Jeder hat das Recht dazu, aber erst nach dem Vortrag der Netzaktivistin dürften einige Zuhörer davon Gebrauch gemacht haben. Nocun fächerte die Daten auf, die Netflix von ihr gesammelt hatte und die es leicht ermöglichen würden, ein Profil ihrer Persönlichkeit, aktuellen psychischen Verfassung und Lebensgewohnheiten zu erstellen. Warum es für Netflix so wichtig ist zu speichern, wann Nocun die Wiedergabe von Filmen oder Serien für welche Dauer unterbrochen hatte, von welchen IP-Adressen sie sich angemeldet und wie oft sie vorgespult hatte, weiß wohl nur das Unternehmen selbst. Aber es fördert das Vertrauen in den Anbieter nicht gerade. „Wir brauchen ein klares Bekenntnis von Netflix, dass sie die Daten schützen“, forderte Nocun.

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