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Schutz der Umwelt : Die Natur existiert nur in unseren Köpfen

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So wird’s gemacht: Blattscheiderameisen transportieren kleine Stücke von Brombeerblättern in ihren Bau. Bild: dpa

Wer die Natur beschwört und deshalb Verzicht verlangt, schadet der Umwelt. Ihr bringt es mehr, wenn wir Pfand für jedes Plastikteil verlangen – und unsere Fäkalien wiederverwerten. Deswegen sollten wir es machen wie die Ameisen.

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          Die schlimmsten Streitigkeiten zwischen Menschen ereignen sich um Dinge, die es nicht gibt. Ich würde niemals sagen „Gott“, aber zum Beispiel: Gerechtigkeit. Gleichheit. Freiheit. Eine weitere in der Reihe dieser Idealisierungen ist die Natur. Die Natur wurde von französischen Philosophen und Jesuiten von deutschen Romantikern und Südamerikareisenden erfunden.

          Sie dachten sich die Natur zum Beispiel als „Kette der Wesen“, als eine perfekte Schöpfungsanordnung, in der jede Heuschrecke und jedes Bakterium und jeder Affe seinen festen Platz hat – aufgezogen wie auf einer Perlenkette, vom Himmel bis in die Tiefen der Ozeane, lesbar vom Menschen wie ein heiliges Buch.

          Sonne, Licht, Kartoffeln und Knoblauch

          Die Natur als Allegorie – solche Ideen entstanden im 18. bis frühen 20. Jahrhundert. Aber bis heute gibt es vergleichbare Ideen von der Natur, die politisch wirksam sind. Das ist, nach wie vor, Rudolf-Steiner-Anthroposophie. Das Wesenhafte gilt nach ihrer Lehre als das Eigentliche, und als wesenhaft gut gilt die Sonne, das Licht, als wesenhaft erdhaft, wenn ich es richtig verstanden habe, die Kartoffel, der Knoblauch, das Erdreich und so weiter. Als wesenhaft schlecht gilt in jedem Fall die Chemie, als wesenhaft gut die Biologie. Ohne diese Vorgeschichte ließe sich die anhaltende Begeisterung für den „organischen“ Landbau nur halb oder vielleicht auch gar nicht begreifen.

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          Die Natur gibt es nicht, es gibt sie nur in unseren Köpfen. Auch Chemie ist Natur, in Laboren nachgebildete Natur. Ihre Basis ist Erdöl: die reine Natur, vormals Algen, Pflanzen, Organik. Die Gene, die in amerikanischen Laboren seit etwa dreißig Jahren in Mais und Baumwollpflanzen eingepflanzt werden, sind die natürlich vorkommender Bakterien. Der chemische Pflanzendünger, der seit mehr als hundert Jahren zur Wachstumssteigerung verwendet wird ist molekular nicht von Stickstoffteilchen zu unterscheiden, die auch in der „Natur“ vorkommen, zum Beispiel in der Luft, die wir atmen. Es ist nicht von Natur gegeben, dass wir Pferde reiten, Kühe melken und Getreide essen. All diese Lebenswesen sind vom Menschen zu seinem Nutzen und Genuss deformiert. Und mit der Nutzung und Zucht ihrer natürlichen Umwelt haben unsere Vorfahren über einige Jahrtausende die Umwelt geformt und verformt. Natur kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „entstehen“, und fast alles, was heute ist und wie Natur erscheinen mag ist von uns selbst aus dem gemacht, was einmal ohne uns entstanden war.

          Philosophische Schriften über die ideale Natur sind erst ein Produkt der Moderne. Hier werden allerhand Sorgen angesichts des rasanten technischen Wandels bildlich formuliert. und in Naturbilder projiziert. Was die Leute über die Natur erzählen, sagt meistens mehr über sie selbst aus als über die Umwelt. Das konnte man bei den Brüdern Grimm sehen, wo sich das Bedrohliche, Unmoralische und Widerwärtige der modernen Welt immer im Wald wandelte, wo die Hexen brannten und die edlen Seelen doch letztlich siegten. Die Pfadfinder besuchten die Natur als Gegenwelt zur Stadt, ehe das Ritalin erfunden war. Was ist von all dem, außer „Hänsel und Gretel“, geblieben? Zum Beispiel der Glaube an Globuli und andere Naturheilmittel, der Alnatura, der Biomarkt.

          Aber auch eine andere Annahme: diejenige, dass Verzicht gut sei. Dass der Verzicht – aufs Fliegen, Autofahren, Fleischessen – nämlich der Natur wohlgefalle. Dass die Natur überhaupt nur zu retten sei, wenn wir verzichten. Dabei ist uns dieser Gedanke ganz wesensfremd: Wenn wir so gedacht hätten, dann gäbe es die Umwelt gar nicht, in der wir heute leben, denn die haben unsere Vorfahren zu ihrem größtmöglichen Nutzen geformt.

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