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Wiederbelebtes Schweinehirn : Überrumpelt

Nach der Schlachtung entnommen: Schweinehirn in einer Schüssel Bild: Picture-Alliance

Dass ausgerechnet in der Karwoche eine pseudoösterliche Geschichte mit erheblichem Provokationspotential für die Hirntoddebatte präsentiert wird, mag ein Zufall sein. Allein, es fehlt uns der Glaube.

          Über den Tod darf, wie über den Anfang der Welt, in jeder Weise spekuliert werden. Die Deutungsmacht der Wissenschaft ist hier eingegrenzt. Sicher ist da nur eines: Für den Menschen ist der Tod unvermeidlich. Danach gibt es kein Zurück, jedenfalls solange man sich nicht auf das weite Feld religiöser Überzeugungen und spiritueller Deutungsversuche begibt.

          Dass ausgerechnet in dieser Woche, an deren Ende die Christen des Todes und der Auferstehung Jesu gedenken, auf einer weltweit beachteten Publikationsplattform der Wissenschaft eine pseudoösterliche Geschichte amerikanischer Hirnforscher mit erheblichem Provokationspotential für die Hirntoddebatte präsentiert wird, mag ein Zufall sein. Allein, es fehlt uns der Glaube. Zu gut passt die Geschichte zu dem hochtourigen Wissenschaftsbetrieb, in dem inzwischen hemmungslos um Aufmerksamkeit auf den Massenmeinungsmärkten gebuhlt wird. Die Maßstäbe für Qualität und Seriosität leiden darunter. Das hilft weder den Wissenschaften noch ihren Förderern, noch dem Diskurs mit einer oft überrumpelten Gesellschaft.

          Die unappetitliche Wiederbelebungsgeschichte aus Yale liefert jedenfalls wissenschaftlich wenig Neues. Sie ist aber geeignet, viele zu verunsichern. Von ihr soll die fragwürdige Botschaft ausgehen, wir hätten den ersten Schritt getan, Menschen aus dem Tod zurückzuholen. Das tun im Grunde all die, denen eine Reanimation nach dem Herz-Kreislauf-Stillstand gelingt, jedes Jahr sind es Tausende. Auch technisch hat die Notfallmedizin Fortschritte erzielt. Aber natürlich gelingt die Wiederbelebung nicht nach zehn Stunden, auch nicht mit Apparaten. Was das Experiment in Yale allein zeigt, ist, dass das Hirngewebe länger als zwei Minuten ohne Sauerstoff auskommt und zumindest vorübergehend wieder Regungen zeigt. Doch das ist seit den siebziger Jahren bekannt und heißt gar nichts. Denn ihre eigentliche Funktion, Netzwerkaktivität beispielsweise, haben diese Hirne in keinerlei Hinsicht wiedererlangt.

          Der hochgradig artifizielle Versuch sollte deshalb auch nicht dafür herhalten, die harten, viel weiter gehenden Kriterien für die bei uns klar geregelte Feststellung des Hirntods in Frage zu stellen. Er ist es nicht wert, das Vertrauen in die Transplantationsmedizin weiter zu erschüttern. Aber natürlich wird das Experiment die Debatte über „tot“ oder „sterbend“ anheizen, zumal, wenn die Anregung dazu aus der wissenschaftlichen Ecke kommt.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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