https://www.faz.net/-gqz-xu9c

Die Medien und der Mossad : Liquidieren mit Stil

  • -Aktualisiert am

Eine Überwachungskamera hat das Opfer am Empfang im Hotel gefilmt Bild: AFP

Auch Israels Medien wollen das Dubai-Rätsel lösen. Dabei ist das Staunen über die Dichte der Indizien nach dem Mord an einem Hamas-Führer, die stets wieder nach Israel führen, einem wachsenden Sarkasmus gewichen.

          War es wirklich der Mossad? Das Staunen über die Dichte der Indizien, die stets wieder nach Israel führen, ist im Land einem wachsenden Sarkasmus gewichen, der die unterschwellig kritischen Berichte der vorangegangenen Tage verdrängt. So begab sich das Massenblatt „Yediot Achronot“ gestern auf der Titelseite auf eine kriminalistische „Suche nach den Spuren der Mossad-Agenten“. Zutage gefördert hat sie immerhin eine Hotelrechnung, die angeblich von Gail Folliard, dem einzigen weiblichen Mitglied der elfköpfigen Tätergruppe, stammt.

          „So sah das gute Leben der Killerin in Dubai aus“, meldete das Blatt, das nicht nur den Preis für die Übernachtung, rund dreihundert Euro, im Luxushotel Jumeirah verriet. Es klärte die Leser auch darüber auf, dass Folliards vierundvierzig Quadratmeter großes Zimmer einen „atemberaubenden Ausblick auf die wunderschöne Skyline Dubais“ hatte. Ihre Unterkunft, mäkelten die Journalisten, als würden sie im Namen des israelischen Steuerzahlers sprechen, sei viel teurer als jene, in der das Opfer abgestiegen war.

          Beim „Liquidieren mit Stil“ habe sich aber, so das Gesamturteil der Berichterstatter, die vermeintliche Nationalheldin offenbar nicht viel mehr gegönnt als eine aufs Zimmer bestellte leichte Mahlzeit - nicht einmal ein ordentlicher Cocktail an der Hotelbar scheint drin gewesen zu sein: „Gail Folliard hätte sich, wenn sie gewollt hätte, Yoga-Unterricht und einiges an teuren Kosmetika - auf der vierzigsten, nur Frauen zugänglichen Etage - leisten können.“

          Ein gefundenes Fressen

          Andere Reporter des Blatts hefteten sich auf die Spur des mit deutschem Pass ausgestatteten Agenten Michael Bodenheimer, der sich, zumindest was den Namensträger anbelangt, als ehrwürdiger ultraorthodoxer Jude aus Bnei Brak entpuppt hat. Anders als die Kollegen vom Konkurrenzblatt „Maariv“, die schon am Tag zuvor den Verdächtigen aufgesucht und ihn mit Bild auf der Titelseite - in Anführungszeichen - als einen der Killer von Dubai entlarvt hatten, stießen die von „Jediot Achronot“ entsandten Journalisten auf Hindernisse. Sie hätten den Tora-Lehrer Bodenheimer um ein Haar nicht ausfindig gemacht, weil in der Jeschiwa das Namensschild an seinem Büro mittlerweile entfernt worden war. Handelte es sich um eine Aktion des Mossad? Der israelische Rundfunkjournalist Gabi Gazit vom Sender „Radio ohne Unterbrechung“ meinte am Montag mit einer Sensation aufwarten zu können. Im Grunde aber hatte er nur einem Bericht des israelischen TV-Nachrichtensenders „Kanal 10“ genau zugehört.

          Darin ging es um die Geburtstagsfeier des Industrieministers Benjamin Ben Eliezer, die dieser in seinem Haus in dem unweit von Tel Aviv gelegenen Städtchen Or Yehuda gab. Zu den illustren Gästen gehörten prominente Kollegen aus der Arbeiterpartei wie Staatspräsident Schimon Peres und Verteidigungsminister Ehud Barak. Die überall installierten Mikrofone ignorierend, konnte es sich der sichtbar gutgelaunte Präsident dann doch nicht verkneifen, seinem Ärger über die nicht enden wollenden Medienberichte zum angeblichen Mossad-Anschlag gegenüber Barak Luft zu machen. „Dieser Sarkozy attackiert uns immer wieder wegen dieses Mordes“, entrüstete sich Peres und wurde vom Verteidigungsminister prompt korrigiert: „Nicht Mord, es war eine Liquidierung.“ Ein gefundenes Fressen für den Radiomoderator Gazit, der triumphierte: „Wir haben Mabhuh also nicht ermordet, wir haben ihn liquidiert.“

          Schuld hat das Internet

          Man müsse also nicht unbedingt, wie es alle täten, unter den Hotelteppichen Dubais suchen, um auf die Wahrheit zu kommen; diese lasse sich, wie häufig der Fall, am unwahrscheinlichsten Ort finden, dem Kaff Or Yehuda. Mit dieser Art Berichterstattung soll offenbar die Enttäuschung über das Teilversagen der mutmaßlichen eigenen Spione mit einer guten Portion jüdischen Humors übertüncht werden. Gern verweisen derzeit die israelischen Medien deshalb auf das Versagen anderer, nämlich der radikalislamischen Hamas. So wird Dubais Polizeichef Dahi Halfan zitiert, der auch noch von den palästinensischen Islamisten eine sofortige Untersuchung des Falls fordert; sie soll klären, wie organisationsinterne Geheiminformationen über Zeit und Ort des Aufenthalts von ihrem ranghohen Mitglied in die Hände der Israelis gelangen konnten.

          Der Hamas kommen solche Forderungen ungelegen. In Gaza hat man deshalb nicht nur den verhassten Zionisten die Schuld an dem Mord zugeschrieben, sondern vor allem auch der säkularen Erzrivalin Fatah. Unter den Tätern seien zwei ehemalige Angehörige ihrer Sicherheitskräfte gewesen, hieß es zunächst, die man namentlich identifizieren könne. Inzwischen haben die islamischen Fundamentalisten einen anderen Hauptschuldigen für die Sicherheitslücke ausgemacht: das Internet, über das der ahnungslose Mabhuh sein Hotelzimmer reserviert und dies anschließend auch noch seiner Familie in Gaza telefonisch mitgeteilt haben soll.

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Wovor soll ich mich fürchten?

          Lyrik der Sinti und Roma : Wovor soll ich mich fürchten?

          Hier singen die Ausgegrenzten, Besitzlosen und Geflohenen: Eine überfällige Sammlung der Lyrik von Sinti und Roma und anderer Gruppen, die ehedem „fahrendes Volk“ genannt wurden.

          Topmeldungen

          Bernie Sanders’ Buch : „Steht auf und kämpft“

          Bernie Sanders will noch nicht sagen, ob er wieder als Präsidentschaftskandidat der Demokraten ins Rennen zieht. Aber er hat schon mal ein Wahlkampfbuch geschrieben.
          Das Cover von „GG – Das Grundgesetz als Magazin“

          Das Grundgesetz als Magazin : Verfassung auf Hochglanz gebracht

          Damit einzelne Artikel nicht in einer grauen Paragraphenmasse untergehen, publiziert der Journalist Oliver Wurm das Grundgesetz als Magazin. Damit erzielt er einen bemerkenswerten Effekt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.