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Die Macht der Datenkonzerne : Lieber Computer, sag mir, wen ich heiraten soll

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Welche ist der Richtige? Die Datenauswertung verspricht, es zu verraten. Bild: Picture-Alliance

Wir sind ins Zeitalter des „Dataismus“ eingetreten. Was das ist? Die Ära, in der Algorithmen Menschen beherrschen. Datenfirmen wissen alles, steuern uns und empfehlen den Partner fürs Leben.

          Als der einstige Kandidat Marco Rubio im Vorwahlkampf der Republikaner zur amerikanischen Präsidentschaft seinem Konkurrenten Donald Trump vorwarf, illegale polnische Einwanderer beschäftigt zu haben, bezichtigte ihn Trump der Lüge. „Das ist ein Fakt“, insistierte Rubio. „Die Leute können es nachschauen. Ich bin sicher, dass die Leute es gerade jetzt googeln. Schauen Sie es nach: Trump polish workers.“ Eine Stunde später registrierte Google einen Anstieg der Suchanfragen für „polish workers“. Google wurde damit zum Schiedsrichter der Debatte, zur Wahrheitsinstanz.

          Dass die Suchmaschinenergebnisse verzerrt sind, schien weder Diskutanten noch Zuschauer zu interessieren. Wir wissen nicht, wir googeln. „Google-Wissen“ nennt der Philosoph Michael Patrick Lynch das Halbwissen, bei dem wir Suchmaschinentreffer für bare Münze nehmen. Zwar glaubt der Nutzer im Moment seiner Anfrage, Herr der Lage zu sein und einen Befehl zu erteilen. Doch er vollstreckt nur die Logik des Page-Rank-Algorithmus, den die Entwickler im Silicon Valley programmiert haben. Er wird zu einem Informationsmündel und erwirbt Second-Hand-Wissen. Google zeigt uns nicht das an, wonach wir suchen, sondern, von dem es glaubt, dass wir danach suchen. Das eigentliche Wissen, nämlich dasjenige über die Funktionsweise der Algorithmen, bleibt verborgen.

          Wir delegieren immer mehr Entscheidungen an Algorithmen. Welche News wir auf Facebook angezeigt bekommen, welchen Partner wir auf Tinder „daten“ und welches Buch wir bei Amazon bestellen. Je mehr Daten die Maschinen sammeln, desto mehr wissen sie über unsere Präferenzen und Emotionen, und desto genauere Vorhersagen können sie treffen. Bald werden Bücher die Rezipienten (aus)lesen, während man sie liest. Im Grunde ist es so, dass Amazon die Bücher für uns auswählt und Tinder uns die Partner vorschlägt. „Die Autorität verschiebt sich vom Menschen auf Computer-Algorithmen“, schrieb der israelische Historiker Yuval Noah Harari, Autor des Buchs „Homo Deus: A Brief History of Tomorrow“, in der „Financial Times“: Humanisten gingen in eine Bücherei und wählten frei einen Titel. Dataisten gingen zu Amazon und ließen sich bevormunden.

          Algorithmen statt Priester

          Zu Ende gedacht würden Menschen dereinst Algorithmen ermächtigen, die wichtigste Entscheidung in ihrem Leben zu treffen, nämlich – wen sie heiraten. „Im mittelalterlichen Europa“, schreibt Harari, „hatten Priester und Eltern die Macht, den Ehepartner auszuwählen. In einer dataistischen Gesellschaft frage ich Google, auszuwählen. Hör zu Google, sage ich, sowohl John als auch Paul machen mir Avancen. Ich mag beide, aber jeden in einer anderen Weise, es fällt mir schwer, mich zu entscheiden. Vor dem Hintergrund dessen, was du weißt, was würdest du mir raten? Google wird antworten: Nun, ich kenne dich vom Tag deiner Geburt an. Ich habe all deine E-Mails gelesen, alle deine Anrufe aufgezeichnet, kenne deine Lieblingsfilme, deine DNA und gesamte biometrische Historie (...) Aufgrund meiner brillanten Algorithmen und jahrzehntelangen Statistiken über Millionen von Beziehungen rate ich dir, mit John zu gehen, mit einer 87-prozentigen Wahrscheinlichkeit, dass du langfristig mit ihm zufriedener bist.“

          Das ist unromantisch, zeigt aber, wohin die Entwicklung führen kann. In der Hoffnung, Gewissheit zu haben und Risiken zu minimieren, lassen wir uns von einer Maschine die Partnerwahl diktieren. Man könnte von datifizierter Zwangsheirat sprechen. Computer bestimmen unsere soziale Bonität, ob wir kreditwürdig sind und welchen Marktwert wir auf dem Heiratsmarkt haben.

          Der Dataismus macht alles gleichförmig

          Es geht nicht um Liebe, sondern darum, ob bestimmte Parameter miteinander „matchen“. Der Dataismus macht alles gleichförmig, von Aktienkursen über Musik bis hin zur Liebe, alles wird in Datenwolken beschrieben, einer gemeinsamen Sprache. Uniformität wird informationell hergestellt. Das ist der Grund, warum der Dataismus so attraktiv für totalitäre Ideologien und Organisationen ist.

          Harari sieht den freien Willen in Gefahr in einem System, in dem wir uns von einem Geschäft zum anderen verleiten lassen und als Datensklaven die Big-Data-Maschinerie der Tech-Giganten am Laufen halten, den Lehnsherren 2.0. Für Harari sind Google und Facebook die moderne Form des KGB und der Kirche, welche die Menschen disziplinieren. Doch anders als der KGB müssen Google und Co. die Menschen nicht in klandestinen Operationen belauschen, sie kommunizieren ohnehin schon mit diesen Systemen. Auch müssen keine Dogmen mehr verkündet werden.

          Der andere Weg zum Traualtar? Die Herrschaft der Algorithmen macht es möglich.

          Die Menschen konditionieren und überwachen sich selbst: mit Fitness-Trackern oder Sprachassistenten. Sie beziehen ihr Weltbild von Tech-Konzernen. Diese haben Autorität, weil sie den Erkenntnisrahmen vorgeben. Sie bestimmen die Grenzen des Sagbaren und Schicklichen, was auf den Index gehoben wird, und mit wem wir uns zu treffen haben – nämlich mit unseresgleichen. Die Zukunft, so Harari, könnte eine digitale Neuauflage des alten Ägyptens sein, in dem nur Priester und Schreiber Zugang zu Wissen haben und das Fußvolk zu Emoji sendenden Analphabeten degeneriert. Eine kleine Elite der Tech-Giganten weiß alles, die große Masse fast nichts.

          Auf dem Weg in die Über-Ich-Gesellschaft

          Der belgische Soziologe Jean-Claude Paye sieht uns auf dem Weg in eine „Über-Ich-Gesellschaft“, die ein absolutes Wissen über den Einzelnen generiert. Folge dessen ist, dass man sich nicht mehr vor staatlichen Sanktionen fürchtet, sondern vor dem schlechten Score, den eine Maschine erzeugt. Sie ist das Gewissen, das Über-Ich in der Gesellschaft.

          Im amerikanischen Bundesstaat Wisconsin werden Straftäter nicht allein aufgrund einer Straftat verurteilt, sondern aufgrund eines algorithmisch erzeugten „Risiko-Scores“. Ein Algorithmus errechnet auf Basis eines 127-Fragen-Tests – unter anderem werden Frage gestellt wie „Hatten Ihre Eltern ein Drogen- oder Alkoholproblem?“ oder „Fühlen Sie sich von den Dingen, die Sie tun, gelangweilt?“ – eine Wahrscheinlichkeit, mit der der Straftäter rückfällig wird. Man wird also nicht dafür bestraft, was man getan hat, sondern dafür, was man in der Zukunft vielleicht begehen könnte.

          Julia Angwin, Reporterin beim Recherchebüro „Pro Publica“, die das System jahrelang untersucht hat, schrieb, dass der Algorithmus eine Genauigkeit von 61 Prozent habe. Man könnte also genauso gut eine Münze werfen. Das System öffnet der Willkür Tür und Tor. Die Angeklagten müssen sich wie in einer kafkaesken Justiz vorkommen. Mit rechtsstaatlichem Verfahren hat das nichts mehr zu tun. Im Grunde ist es wie die Erzählung von den Gefangenen, die beim König aus einer Schatulle eine Kugel ziehen können. Ziehen sie die schwarze Kugel, werden sie verurteilt. Ziehen sie die weiße, kommen sie frei. Das Silicon Valley offeriert uns den Schein der Freiheit. Doch in Wirklichkeit geht es darum, den Menschen zu beherrschen.

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