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Negative Zinsen : Wohin mit dem Geld? Raus damit!

In dieser Lage ist feiern die erste Bürgerpflicht. Wer spart, schädigt die Ökonomie. Eine Poolparty in Palm Springs, so ums Jahr 1970 herum. Bild: Getty

„Eigentum ist Diebstahl“, und wer sich auf seinem Besitz ausruht, wird ihn verlieren. Lasst es krachen! Etwas Besseres als negative Zinsen konnte uns gar nicht passieren. Oder?

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          Woran liegt es eigentlich, dass kaum jemand gejubelt und gefeiert hat, als, kurz vor Weihnachten, die Nachricht kam, dass die ersten Banken auch von ihren Privatkunden jetzt negative Zinsen nehmen? Wie kann es sein, dass sich noch immer niemand zu freuen scheint darüber, dass das wohl eine ganze Weile so bleiben wird - dass also jene Leute, die Geld genug haben, um es in großen Mengen bei der Bank zu lagern, dafür keine Zinsen mehr bekommen, sondern auch noch Gebühren zahlen müssen?

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

          Dabei müssten wir, die wir Arbeit haben, ein Gehalt, aber kein bedeutendes Vermögen, es doch schon deshalb unbedingt laut und teuer krachen lassen, weil Geld zu sparen und anzuhäufen in dieser Lage widersinnig ist. Sollen die Kanzlerin und ihr Finanzminister sich und alle anderen zur allerstrengsten Haushaltsdisziplin verpflichten – wir, die wir nur unseren privaten Haushalt kontrollieren können, wir müssen unter den gegebenen Verhältnissen eher so wirtschaften wie die Griechen und die Italiener: über unsere Verhältnisse. Raus mit dem Geld, und wenn keines mehr da ist, wird eben welches geliehen!

          Und jeder, der einigermaßen offen fürs Neue, Unwahrscheinliche und Unverhoffte ist, müsste sich jetzt, da der negative Zins das Gegenteil von nahezu allem bedeutet, was wir in der Schule und im Leben übers rationale Wirtschaften gelernt zu haben glauben, längst fragen, was als Nächstes kommt: Werden die Wirte uns bezahlen, damit wir ihre Restaurants besuchen? Werden die Banken uns dafür belohnen, dass wir Schulden machen? Wirkt die Schwerkraft noch, können die Menschen bald fliegen?

          Lass dein Geld für dich arbeiten

          „Eigentum ist Diebstahl“, schrieb 1840 Pierre-Joseph Proudhon, dessen Anhänger und Schüler immer wieder nach Methoden suchten, dem Vermögen der Reichen die Dauer und Beständigkeit zu nehmen. Aber jetzt, da der Kapitalismus einen Weg gefunden hat, ist von der Linken kein Beifall zu hören.

          Wer hat, dem wird gegeben: Das war immer der Verdacht all jener, die arbeiten und sich anstrengen und doch erkennen müssen, dass noch so großer Fleiß ihnen keine Yacht und kein Penthouse einbringen wird. Aber jetzt, da dem, der hat, etwas genommen wird, scheint sich trotzdem keiner zu freuen.

          Liegt das womöglich daran, dass der Kapitalismus endlich uns alle (oder zumindest sehr viele) zu Kapitalisten gemacht hat, wenn auch im ganz kleinen Format: Als Inhaber von Lebensversicherungen und Riesterrenten sorgen wir uns um die Verzinsung unserer Einlagen. Und vergessen darüber fast, welche Kränkung es recht eigentlich bedeutete, als Bankmenschen oder Finanzberater (und all die Politiker, die uns, falls wir verstockt blieben, mit Altersarmut drohten) uns vorrechneten, dass sich mit Geld viel zuverlässiger neues Geld verdienen lasse als mit unseren launischen Köpfen und störanfälligen Körpern. Lass dein Geld für dich arbeiten, das war die Forderung - und jetzt, da das Geld diese Arbeit verweigert, scheinen viele den Eindruck zu haben, als könnte man da nichts tun. Außer vielleicht die Bettdecke über den Kopf zu ziehen und darauf zu warten, dass es vorübergeht.

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