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Remarque-Preis für Adonis : Die Kultur an die Macht?

Zurück zur Kultur: Adonis bei seiner Dankesrede Bild: dpa

Der Verleihung des Remarque-Preises an Adonis waren große Proteste vorausgegangen. In seiner Dankesrede ruft der syrische Dichter die arabischen Intellektuellen zur Umkehr auf.

          Der Friedenssaal des spätgotischen, von einem hohen Walmdach beschirmten Rathauses zu Osnabrück versammelt viele Persönlichkeiten, die seinen Namen bezeugen. Von den Wänden blicken die Gesandten, die hier den vor 368 Jahren geschlossenen Westfälischen Frieden ausgehandelt haben. Auch an diesem Freitagvormittag ist die Stimmung ausgesprochen friedlich, von dem Proteststurm, der dieser Verleihung des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises an den syrischen Dichter Adonis (Ali Ahmad Said Esber) monatelang vorausging, ist nichts mehr zu spüren. Die acht Kerzen auf dem wagenradgroßen Kronleuchter flackern. Es ist ein würdevoller, eher kleiner Rahmen: Viel mehr als hundert Personen passen nicht herein, und dass ein paar Plätze frei bleiben, ist wohl auch der Tageszeit geschuldet.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Beendet oder gar abgehakt aber ist die Diskussion nicht, die Intellektuelle, Menschenrechtler und syrische Oppositionelle mit dem Vorwurf angestoßen hatten, Adonis habe sich nicht eindeutig oder deutlich genug gegen das Gewaltregime von Baschar al Assad gestellt. Oberbürgermeister Wolfgang Griester kommt in seinem Grußwort darauf zu sprechen, beklagt, wie festgefahren die öffentliche Meinungsbildung bisweilen sei, und bedauert, dass eine Richtigstellung der falschen, aber immer wieder behaupteten Nähe zu Assad so wenig Chancen gehabt habe, durchzudringen und Giuseppina Nicolini, die Bürgermeisterin von Lampedusa, den Sonderpreis deshalb nicht angenommen habe.

          Ort des Lebens oder des Todes?

          „Ich komme aus einer arabisch-islamischen Welt, deren politische, kulturelle und soziale Tiefenstruktur noch immer von Religion und Stammesdenken geprägt ist - als stünde sie in einem Kontinuum mit der Kultur des Mittelalters“, eröffnet Adonis seine Dankesrede, die er, der seit 1980 in Paris im Exil lebt und französischer Staatsbürger ist, in arabischer Sprache hält. Und ist damit auch schon beim Kern seiner Analyse: bei einem „Herrschaftssystem als Gewalt“, das abseits einer zivilisierten, demokratischen Ausrichtung bleibe. Der Opposition, besonders deren bewaffneten Gruppierungen, wirft er vor, keinerlei Gedanken an einen laizistischen Staat, die Gleichstellung der Frau, Bürgerrechte oder die Ablehnung der ausländischen Einmischung zu verschwenden. Die Gesellschaft habe Intellektuelle hervorgebracht, die sich zu politischen Missionaren gewandelt hätten: „Sie haben aufgehört, ihre Aufgabe als kreative Schöpfer wahrzunehmen und sich zur Vielfalt zu bekennen, sondern sind zu bloßen Sympathisanten, Anhängern und Mitläufern der Politik verkommen.“ Die arabischen Denker müssten sich sowohl gegen die bestehenden Regimes als auch gegen deren Oppositionen stellen: „Sie müssen das Neue begründen“ und die „Frage nach der arabischen Geographie in einem historisch-politischen Kontext stellen: Ist sie ein Ort des Todes oder des Lebens?“

          Auch auf den Namenspatron des Preises geht Adonis ein, wobei offenbleibt, ob er Remarque gelesen hat. Etwas wikipediahaft klingen seine Bemerkungen: „Und er machte nicht zuletzt deutlich, dass das Schöpferische im Menschen Vorrang vor der Politik hat.“ Die Kultur an die Macht? In diese Richtung hatte zuvor Daniel Gerlach, Chefredakteur des Magazins für den Orient „zenith“, in seiner gedankenreich mäandernden Laudatio gewiesen, an deren Ende er den Dichter, „der an die Macht codierter Sprache glaubt“, weniger auffordert als bittet, der Welt mehr von den Geheimnissen zu berichten, die die faszinierende Vielfalt des Kulturraums Syrien mitgeprägt haben: „Vielleicht kann das den Weg ebnen: zu einer wahren Integration. Zu Akzeptanz, nicht Toleranz, zwischen den Religionen und Konfessionen.“

          Adonis’ Selbstverständnis dürfte er damit nahegekommen sein. Dass dessen Auskünfte oft so grundsätzlich klangen, dass sie gar nicht falsch sein können, zeigt aber, dass die Diskussion, die der Preis an ihn ausgelöst hat, eine Fortsetzung verdient: nicht auf die Person gerichtet, sondern auf die Frage nach der Rolle des Intellektuellen.

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