https://www.faz.net/-gqz-839y4

Astrid Lindgrens Kriegstagebücher : Warum erschießt eigentlich keiner diesen Hitler?

  • -Aktualisiert am

In Astrid Lindgrens Tagebüchern finden sich neben ihren Einträgen auch eingeklebte Bilder und Zeitungstexte. Bild: Kungliga biblioteket

Astrid Lindgren schrieb nicht nur Kinderbuch-Klassiker wie „Pippi Langstrumpf“. Während des Zweiten Weltkrieges führte sie auch regelmäßig Tagebuch. Die Notizen zeigen, wie viel man im neutralen Schweden vom NS-Staat wissen konnte.

          Im November 1940 veröffentlichte der schwedische Literaturhistoriker Fredrik Böök ein schmales Bändchen über Deutschland. Er begann mit Überlegungen zur deutschen Expansion, zur Störung des europäischen Gleichgewichts, die zwangsläufig von einem neuen Reich in der Mitte Europas ausgehen musste, und verband dies mit seiner Überzeugung, dass der deutsche Militarismus auch eine Reaktion auf den Militarismus der anderen sei. Böök beschrieb Deutschland als tiefgekränkte, nahezu natürlich auf die jahrelangen Demütigungen des Auslandes reagierende Nation. Dann setzte er zu einer Apologie des Hitler-Reiches an. Und forderte seine Landsleute zu einer guten schwedisch-deutschen Nachbarschaft auf.

          Kurz darauf, am 23. November 1940, lag das Buch in den Händen einer 33 Jahre alten zweifachen Mutter in Stockholm, die ein ausgeprägtes Interesse für Kriegsnachrichten besaß. Astrid Lindgren war weder Hitler- noch Böök-Fan. „Es ist schade, dass niemand Hitler erschießt“, notierte sie im Herbst 1939. Allerdings war das Thema Deutschland komplex, und diese Komplexität war ein Grund für das Tagebuchschreiben - es half der Frau, die als Bürokraft arbeitete und nebenher kleine Geschichten veröffentlichte, beim Gedankensortieren.

          Zeitzeugin des Alltags

          „Ich glaube, dass Böök ziemlich recht hat, wenn er von den psychologischen Ursachen für den Nationalsozialismus spricht“, notierte sie zwar. Trotzdem rief das Buch bei ihr Kopfschütteln hervor. „Ich kann niemals an ein Regime glauben“, notierte sie in ihrem „Kriegstagebuch“, „das die Konzentrationslager in Oranienburg und Buchenwald schuf, das die Pogrome vom Herbst 1938 zuließ und unterstützte und das ein norwegisches Mädchen zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, weil es ein Foto des Führers zerriss.“

          Eine literarische Zeitzeugin: Astrid Lindgren mit ihrem Sohn Lasse 1930 in Stockholm

          Die Kriegstagebücher von Astrid Lindgren liegen nun seit kurzem endlich ediert vor. Man entdeckt sie darin als Zeitzeugin für den Alltag im neutralen Schweden („Gibt es noch etwas, was nicht teurer wurde?“), malt sich aus, wie sie mit Freunden diskutiert, in Stockholm Lebensmittel hamstert und Artikel ausschneidet oder auf der Schäreninsel Furusund am Fenster sitzt, Mücken erlegt und dem fernen Kanonendonner über der Ostsee lauscht. Vor allem aber versteht man, was die Schriftstellerin Kerstin Ekman im Vorwort hervorhebt: dass selbst eine einfache Frau in Schweden mehr von den Grausamkeiten jener Jahre wissen konnte, als manch andere später weismachen wollten.

          Ein Land der Gewalt

          Sicherlich stammt ein Teil ihres Wissens aus Briefen, die Lindgren als Mitarbeiterin der 1940 eingeführten Briefzensur lesen konnte. Diese Briefe schienen ihr aber oft nur zu bestätigen, was Lindgren Blättern wie der liberalen „Dagens Nyheter“ und Büchern wie Remarques „Liebe Deinen Nächsten“ oder Stefan Szendes „Der letzte Jude von Polen“ entnahm. Im Frühjahr 1941 ging sie davon aus, dass Hitler ganz Polen in ein Getto zu verwandeln versuche, in dem die Juden, die dort mit wenig Gepäck und Geld hingekarrt würden, vor lauter Hunger umkommen mussten. Im Herbst 1942 schrieb sie, dass die Deportation jüdischer Männer, Frauen und Kinder von Norwegen nach Polen „einen sicheren Tod“ bedeutete, und je mehr Flüchtlinge nach Schweden gelangten, umso schlimmere Geschichten kursierten. Von den Vernichtungslagern schreibt sie nichts. Aber man musste wohl keine Details aus den Todesfabriken kennen (wie sie der schwedische Diplomat Göran von Otter hörte, als er 1942 im Zug von Warschau nach Berlin den SS-Mann Kurt Gerstein traf), um die Dimension der deutschen Verbrechen zu erahnen. Was in den Zeitungen stand, reichte aus. In den Tagebüchern eingeklebt, findet sich etwa ein Artikel von Hugo Valentin, der an Weihnachten 1943 von einem „Vernichtungskrieg“ mit Millionen von Toten sprach, einem Töten „sozusagen am laufenden Band“.

          Und Astrid Lindgren begann schon Tage zuvor in der Küche zu weinen, als sie einen deutschen Kinderchor „Stille Nacht, heilige Nacht“ singen hörte. Das Lied ließ sie an eine Schilderung des Massakers von Lidice denken, an Szenen, die selbst dann noch entsetzlich gewesen sein mussten, wenn nur die Hälfte des Geschilderten der Wahrheit entsprach. „Diese Kinder mit ihren engelhaften Stimmen“, schrieb sie über den Chor, „wachsen in einem Land auf, in dem alles auf Gewalt gegen andere Menschen hinausläuft.“

          Lieber die Deutschen als die Russen

          Das war die Zeit, in der Lindgren für ihre Tochter Karin, ein ängstliches Mädchen, die Geschichten von Pippi Langstrumpf aufschrieb. 1941 hatte Karin um die Geschichten gebeten, im Frühjahr 1944 brachte Lindgren sie erstmals zu Papier, und im Herbst 1945 gab es sie dann als Buch, im gleichen Jahr übrigens, in dem die Finnland-Schwedin Tove Jansson auch ihr erstes „Mumin“-Buch publizierte.

          Der Blick zum Nachbarland Finnland erklärt - neben dem Anti-Bolschewismus und der traditionellen schwedischen Russophobie - einen Teil der Angst, die Lindgren noch im Friedenssommer 1945 vor Russland empfand. Als Stalin im Sommer 1940, wenige Monate nach dem überwunden geglaubten „Winterkrieg“ gegen Finnland, das Baltikum besetzte, schreibt Lindgren sogar sarkastisch: „Das Schlimmste ist, dass man sich bald nicht mehr Deutschlands Niederlage zu wünschen wagt, denn die Russen haben sich wieder zu rühren begonnen. Und da, glaub ich, sage ich lieber ein ganzes Leben lang ,Heil Hitler‘, als die Russen über uns zu haben.“ Schwedens sozialdemokratischer Ministerpräsident Per Albin Hansson versuchte derweil alles, damit sein Land nicht zum Kriegsschauplatz wurde, und kam dabei nicht umhin, im Sommer 1941 deutsche Soldatenzüge durchs Land an die Ostfront rollen zu lassen.

          Ein Schutzraum für die Kinder der Welt

          Lindgrens Furcht vor russischen Zuständen, vor Szenen wie etwa in Katyn, änderte nichts an ihrer gleichzeitigen Abscheu vor Hitler und der Wut auf die Deutschen, die sie beim Gedanken an das Schicksal der Juden ergriff. Dazwischen wieder Mitgefühl für die Soldaten und ihre Mütter. Sorge um die Kinder in Hamburg und Warschau. Und Notizen zu Sture Lindgren, dem Ehemann, der zu Reservistenübungen aufbrechen muss und im letzten, von privatem „Erdrutsch“ geprägten Kriegsjahr eher einem Seemann als einem treuen Gatten geglichen zu haben scheint.

          Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt: Astrid Lindgrens Kriegstagebücher geben diesem bekannten Motto einen tieferen Sinn.

          Man wird Lindgrens Geschichten von Pippi, diesem Kind, das sich die Welt so zurechtzumachen vermag, wie sie ihr gefällt, nach der Lektüre dieser Tagebücher nicht mehr unbefangen lesen können. Das gilt auch für das 1944 geschriebene Buch „Britt-Mari erleichtert ihr Herz“, in dem es einen Hinweis auf jüdische Flüchtlinge gibt, der in der deutschen Ausgabe von 1954 unterschlagen wurde.

          Astrid Lindgren, die im Krieg Stefan Zweigs „Die Welt von gestern“ las, hoffte in ihrem Tagebuch auf eine Zeit, in der sie einmal von den Enkeln gefragt werden würde: „Schutzraum - was war das noch mal?“ Als Autorin hat sie den Kindern der Welt einen Schutzraum geboten, in den man flüchten kann, um angesichts der bedrückenden Welt nicht den Kopf zu verlieren.

          Weitere Themen

          Im Reich zwischen Leben und Tod

          Jugendliteratur : Im Reich zwischen Leben und Tod

          „Harry Potter“, „Tintentod“, Marishas Pessls „Niemalswelt“ und viele andere: Aktuelle Kinder- und Jugendbücher spielen verblüffend häufig in einem Reich zwischen Leben und Tod. Warum sind solche Bücher so beliebt?

          Hakuna Matata Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Der König der Löwen“ : Hakuna Matata

          25 Jahre nach dem Original kommt „Der König der Löwen“ als Neuverfilmung zurück in die Kinos. Die Tricktechnik überwältigt, doch der Spagat zwischen Königsdrama und Tierdoku will nicht so ganz gelingen.

          Topmeldungen

          Kritik an AKK : „Eine Zumutung für die Truppe“

          Aus der Opposition gibt es heftige Kritik an der Ernennung von Annegret Kramp-Karrenbauer zur Verteidigungsministerin. Kanzlerin und Union würden die „gebeutelte Bundeswehr“ für Personalspielchen missbrauchen, beklagt die FDP.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.