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Astrid Lindgrens Kriegstagebücher : Warum erschießt eigentlich keiner diesen Hitler?

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Und Astrid Lindgren begann schon Tage zuvor in der Küche zu weinen, als sie einen deutschen Kinderchor „Stille Nacht, heilige Nacht“ singen hörte. Das Lied ließ sie an eine Schilderung des Massakers von Lidice denken, an Szenen, die selbst dann noch entsetzlich gewesen sein mussten, wenn nur die Hälfte des Geschilderten der Wahrheit entsprach. „Diese Kinder mit ihren engelhaften Stimmen“, schrieb sie über den Chor, „wachsen in einem Land auf, in dem alles auf Gewalt gegen andere Menschen hinausläuft.“

Lieber die Deutschen als die Russen

Das war die Zeit, in der Lindgren für ihre Tochter Karin, ein ängstliches Mädchen, die Geschichten von Pippi Langstrumpf aufschrieb. 1941 hatte Karin um die Geschichten gebeten, im Frühjahr 1944 brachte Lindgren sie erstmals zu Papier, und im Herbst 1945 gab es sie dann als Buch, im gleichen Jahr übrigens, in dem die Finnland-Schwedin Tove Jansson auch ihr erstes „Mumin“-Buch publizierte.

Der Blick zum Nachbarland Finnland erklärt - neben dem Anti-Bolschewismus und der traditionellen schwedischen Russophobie - einen Teil der Angst, die Lindgren noch im Friedenssommer 1945 vor Russland empfand. Als Stalin im Sommer 1940, wenige Monate nach dem überwunden geglaubten „Winterkrieg“ gegen Finnland, das Baltikum besetzte, schreibt Lindgren sogar sarkastisch: „Das Schlimmste ist, dass man sich bald nicht mehr Deutschlands Niederlage zu wünschen wagt, denn die Russen haben sich wieder zu rühren begonnen. Und da, glaub ich, sage ich lieber ein ganzes Leben lang ,Heil Hitler‘, als die Russen über uns zu haben.“ Schwedens sozialdemokratischer Ministerpräsident Per Albin Hansson versuchte derweil alles, damit sein Land nicht zum Kriegsschauplatz wurde, und kam dabei nicht umhin, im Sommer 1941 deutsche Soldatenzüge durchs Land an die Ostfront rollen zu lassen.

Ein Schutzraum für die Kinder der Welt

Lindgrens Furcht vor russischen Zuständen, vor Szenen wie etwa in Katyn, änderte nichts an ihrer gleichzeitigen Abscheu vor Hitler und der Wut auf die Deutschen, die sie beim Gedanken an das Schicksal der Juden ergriff. Dazwischen wieder Mitgefühl für die Soldaten und ihre Mütter. Sorge um die Kinder in Hamburg und Warschau. Und Notizen zu Sture Lindgren, dem Ehemann, der zu Reservistenübungen aufbrechen muss und im letzten, von privatem „Erdrutsch“ geprägten Kriegsjahr eher einem Seemann als einem treuen Gatten geglichen zu haben scheint.

Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt: Astrid Lindgrens Kriegstagebücher geben diesem bekannten Motto einen tieferen Sinn.

Man wird Lindgrens Geschichten von Pippi, diesem Kind, das sich die Welt so zurechtzumachen vermag, wie sie ihr gefällt, nach der Lektüre dieser Tagebücher nicht mehr unbefangen lesen können. Das gilt auch für das 1944 geschriebene Buch „Britt-Mari erleichtert ihr Herz“, in dem es einen Hinweis auf jüdische Flüchtlinge gibt, der in der deutschen Ausgabe von 1954 unterschlagen wurde.

Astrid Lindgren, die im Krieg Stefan Zweigs „Die Welt von gestern“ las, hoffte in ihrem Tagebuch auf eine Zeit, in der sie einmal von den Enkeln gefragt werden würde: „Schutzraum - was war das noch mal?“ Als Autorin hat sie den Kindern der Welt einen Schutzraum geboten, in den man flüchten kann, um angesichts der bedrückenden Welt nicht den Kopf zu verlieren.

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