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Religionskongress in Lindau : Falls Gott mal ein Außenministerium braucht

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Vergewaltigungen „in ungeheuerlichem Ausmaß“

Diplomatie ist der Kernbereich der Bemühungen von Religions for Peace. Die Nähe zu anderen internationalen Organisationen wird durchaus gesucht. Zu Afghanistan sprach etwa auch Pramila Patten aus Mauritius, seit 2017 UN-Sonderbeauftragte für sexuelle Gewalt in Konflikten. Sie wies darauf hin, dass die Besorgnis erregende Lage von Frauen in Afghanistan nicht den Blick auf andere Krisenregionen verstellen sollte, von denen man weniger hört, und wo Vergewaltigungen „in einem ungeheuerlichen Ausmaß“ verübt werden. Sie nannte neben Syrien, wo der Krieg keineswegs beendet ist, noch Myanmar, Südsudan und vor allem das äthiopische Tigray. Insgesamt war „gender-based violence“ in allen ihren Schattierungen ein Aspekt, auf den die Debatten in Lindau immer wieder zurückkamen.

Das hatte auch damit zu tun, dass der Dialog mit der jüngeren Generation ein zentrales Thema des Gipfels war. Man konnte also, für eine kleinere Gruppe live in der Inselhalle, für die meisten, so auch für diese Zeitung, hingegen digital aus der Ferne, jungen Menschen verschiedenster Glaubensrichtungen dabei zusehen, wie sie rhetorische Fragen etwa dieser Art beantworteten: „Wann hatten Sie zuletzt eine bedeutungsvolle Begegnung mit einem Menschen anderen Glaubens?“ Für eine andere Frage wurde sogar eine Art Diskussion um die Wette ausgelobt: „Waren religiöse Akteure während der Covid-19-Pandemie einzigartig hilfreich?“ Eine junge Frau wies dabei darauf hin, dass der Begriff „uniquely helpful“ nicht besonders inklusiv ist, während ein Mann aus dem Kongo einen Aspekt hervorhob, den die Religionen den Nichtgläubigen unstrittig voraus haben: Wie stark „the blessing of prayer“ allerdings wirklich geholfen hat, ist wiederum theologisch wie weltlich nicht zu entscheiden. Oder nur diplomatisch.

Die Verbindung der Völker

Was man gemeinhin von einem Weltkonzil der Religionen erwarten würde, nämlich ein Gespräch über Wahrheitsfragen, ist gerade nicht das Interesse von Religions for Peace. Das würde nämlich den Daseinszweck der Organisation unterlaufen, die sich als völkerverbindend versteht. Dass die Taliban gerade auch theologisch als nicht satisfaktionsfähig betrachtet werden, wird zwar zwischendurch erwähnt, ist aber nur ein Aspekt, der auf derselben Ebene steht wie das Engagement gegen die Kinderlähmung, die weltweit fast ausgerottet ist. Nur in Afghanistan noch nicht, deswegen braucht es da ein taktisches Bündnis mit den Taliban und vielleicht auch Überlegungen darüber, wie offen der Koran gegenüber den Wissenschaften ist.

Das Göttliche ist in Lindau eher allgemein präsent. Rein äußerlich dominiert der Habitus einer akademischen Tagung, und fast könnte man meinen, dass die Form einer solchen Tagung, mit Zoom-Kacheln in Wohnzimmern in aller Welt im Hintergrund und dynamischen Sprecherinnen mit Ohrbügelmikro (das beide Hände gestisch befreit) vorn auf der Bühne, selbst schon so etwas wie eine heutige Zivilreligion bildet. Das Vokabular, mit dem im Grenzgebiet von Universitäten und NGOs über Pandemie, Migration, Gewaltstrukturen und den Klimawandel gesprochen wird, trifft auf ein Gottesbild, das eher von allgemeiner „Gutheit“ („goodness“) ausgeht als von konkreten Offenbarungen. Zwar wird „religiöser Analphabetismus“ als eine der größten Herausforderungen der Gegenwart angenommen. Eine künftige religiöse Belesenheit, wie sie sich vergangene Woche in Lindau angedeutet hat, würde aber über die heiligen Texte hinaus wohl bald bei den ökumenischen Urkunden ankommen, die heutige multinationale Abkommen darstellen. Wenn Gott einmal ein Außenministerium bräuchte, würde er bei Religions for Peace gutes Personal finden.

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