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Kirchenreformdiskurs am Limit : Was, bitte, ist ein Retrokatholik?

Ist die Tür noch geschlossen oder bereits einen Spalt geöffnet? Ein armenischer Priester an der Grabeskirche in Jerusalem Bild: dpa

Blanke Meinungsmache oder theologische Reflexion? Die Kirchenreformdebatte gibt sich viel zu schnell mit flachen Appellen zufrieden, wenn es um die Frage der Veränderbarkeit von Lehrinhalten geht.

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          Findet ausgerechnet das Christentum, in dessen Zentrum die Menschwerdung Gottes steht, kein reflektiertes Verhältnis zur Geschichte? Kann es seine Geschichtlichkeit nur in den Extremen von Antiquarismus und Präsentismus denken, von einseitigen Fixierungen auf Vergangenes oder Gegenwärtiges? Interessante Fragen grundsätzlicher Natur, wie sie hinter den Reformdebatten in der heutigen katholischen Kirche stehen, vom Synodalen Weg bis zur Amazonas-Synode. Doch weil sie in dieser Grundsätzlichkeit weitgehend undebattiert bleiben, dominieren die flachen Reformappelle im Zeichen der Tür-Metapher: Ist die Tür schon einen Spalt geöffnet oder noch verschlossen?

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Solch ein Schweben zwischen „nicht mehr“ und „noch nicht“, vielleicht noch vage inspiriert von der Erinnerung an Ernst Bloch, prägt theologische Blogs und Zeitschriftenartikel. Dass hier manches unausgegoren, kurzerhand und schlecht begründet erscheint, hat auch mit einer intellektuellen Blockade bei einem Kernthema zu tun: Die Debatte um die Lehrentwicklung, um die Veränderbarkeit im Kontinuitätsanspruch des christlichen Glaubens, wird nicht offen und informiert geführt.

          Da wird jetzt beispielsweise an Papst und Bischöfe appelliert, ein österliches „Sonderformular“ herauszugeben, mit welchem sich dem reformerischen Traum einer priesterlosen Kirche näherkommen lässt. Einen solchen Wisch fordert Daniel Bogner, Professor für Moraltheologie und Ethik an der Universität Fribourg, auf katholisch.de angesichts aktuell verbotener Gottesdienstversammlungen fürs „kultische Gedächtnismahl ohne Geweihten“.

          Die Auszehrung des Sakramentalen

          Gewünscht ist also eine Genehmigung, mit der sich die Eucharistie vom Priestertum abkoppeln und im Zweifel auch freihändig am Küchentisch zelebrieren lässt. Was zählt im Blick auf die Zukunft noch die Konstellation von gestern?, fragt Bogner, den Reformappell ins Grundsätzliche wendend, um dieser überholten Konstellation auch die überlieferte sakramentale Struktur der Kirche zuzuschlagen, „ihr Ämter- und Sakramentenverständnis, und als Grundlage davon ihre eigene Ekklesiologie“.

          Tatsächlich ist eine eucharistische Kultfeier ohne Geweihten nur denkbar, wenn die Sakramentalität des Sakraments entfällt. Kult ja, aber bitte nur noch im Dienst einer Zukunftsfähigkeit, die sich von der Gegenwart her bestimmt, ohne diachrone, von der Überlieferung angelegte Fesseln. Da spricht im Grunde blanke Meinungsmache, bar jeder theologischen Reflexion.

          Und warum auf dieser Linie nicht Kerzen ins Fenster stellen, statt weiterhin dem Brauch eines „Retrokatholizismus“ zu frönen, ganze Bistümer dem Herzen der Gottesmutter zu weihen? So fragt die Dogmatik-Professorin Julia Knop im Blog der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Erfurt, und entzieht sich mit dem Stereotyp des Retrokatholiken einer Darlegung guter Gründe. Nicht wenige Katholiken seien „verstört“ angesichts von immer noch präsenten Bräuchen der Volksfrömmigkeit, wie sie sich etwa in der Vorstellung eines vollkommenen Ablasses, also dem sogenannten Nachlass der zeitlichen Sündenstrafen, wiederfinde. Ist der Papst demnach ein Retrokatholik, gar, wie man Julia Knop verstehen könnte, der Magie verdächtig, wenn er dem am Freitag außerplanmäßig gespendeten Segen „Urbi et Orbi“ einen solchen Ablass in Aussicht stellt?

          Streit um die Verbindlichkeit

          Statt in den unfruchtbaren Kategorien von Retro- und Futuro-Christen zu denken, sollte man die verdrängten Kernfragen hinter der aktuellen Reformagenda aufdecken und debattieren. Lässt sich eine Veränderung von Lehre tatsächlich immer nur als deren Vertiefung propagieren, wie dies zuletzt vom Zweiten Vatikanischen Konzil im Zeichen einer Hermeneutik der Kontinuität geschah? Ist beispielsweise die konziliare Neubestimmung der Religionsfreiheit nicht eher Bruch als Bestätigung der überlieferten Lehre gewesen? Dass derartige Fragen in der Sache ergiebiger sind als der Ruf nach Sonderformularen, zeigt der anregende Disput, den die Theologen Thomas Marschler, Michael Seewald und Reinhard Hütter zur Dogmenentwicklung seit mehreren Monaten in der Zeitschrift „Herder Korrespondenz“ führen.

          Auch wenn von Erforschern der neueren Papstgeschichte der Befund Seewalds bestätigt werde, wonach die päpstliche Konzentration auf die formale Lehrautorität eine jüngere Erscheinung sei, stellt Marschler klar: „Die Überzeugung, dass Sätze, die von der Kirche als geoffenbarte Glaubenswahrheiten verkündet werden, Normen göttlichen Rechts sind, denen als solchen Verbindlichkeit (auch für die Zukunft) zukommt und deren Ablehnung mit Strafandrohungen (Anathematismen) belegt wird, gehört allerdings der Sache nach schon seit früher Zeit zum katholischen Selbstverständnis.“ Wie strikt etwa die christologischen und trinitätstheologischen Lehraussagen der altkirchlichen Konzilien sowie die orthodoxe Vätertradition als Grundlage und Maßstab späterer Reflexionen verstanden wurden, lasse sich in der Theologie des Mittelalters unschwer erkennen.

          Offenbarung ist kein Ding an sich

          Wobei auch Marschler einräumt, dass die Lehrtradition nicht erst in der Neuzeit, sondern von Anfang an mit Entscheidungen verknüpft ist, „die rein geschichtlich gesehen kontingenten Charakter haben“. Der Streit mit Seewald geht denn auch im Wesentlichen um die theologische Ergänzung einer solch „rein geschichtlichen“ Sehweise. Wie ergänzt der „Geistbeistand“ (Marschler) als Erkenntnismittel die historisch-kritische Methode, ohne zum Ideologem zu werden?

          Beide Theologen sind sich einig: Das Offenbarungsereignis ist nicht ein „Ding an sich“, Zugang zu seinem Gehalt habe man „allein in den unterschiedlichen Manifestationen des Glaubens der Kirche“. Aber Seewald fürchtet den Zirkelschluss, der sich aus einem normativ festgestellten Glauben der Kirche ergeben könnte. Dergestalt, dass korrekte Offenbarungsdeutung nur als amtliche zu haben sei, was umgekehrt bedeute, dass es keine Rückfrage an die Offenbarung gegen das amtlich Interpretierte gibt. „Einer solchen Auffassung kann ich mich nicht anschließen.“

          Gefragt ist, mit anderen Worten, eine methodisch geleitete Verhältnisbestimmung von Zeitlichem und Überzeitlichem. Deren Kriterien gilt es zu klären, soll theologischer Fortschritt nicht sprachlos bleiben oder in historistischen Paradoxien versanden. Das ist komplizierter, aber wohl auch befriedigender, als Kerzen im Fenster für einen Ausweis kirchlicher Zukunftsfähigkeit zu halten.

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