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Kirchenreformdiskurs am Limit : Was, bitte, ist ein Retrokatholik?

Streit um die Verbindlichkeit

Statt in den unfruchtbaren Kategorien von Retro- und Futuro-Christen zu denken, sollte man die verdrängten Kernfragen hinter der aktuellen Reformagenda aufdecken und debattieren. Lässt sich eine Veränderung von Lehre tatsächlich immer nur als deren Vertiefung propagieren, wie dies zuletzt vom Zweiten Vatikanischen Konzil im Zeichen einer Hermeneutik der Kontinuität geschah? Ist beispielsweise die konziliare Neubestimmung der Religionsfreiheit nicht eher Bruch als Bestätigung der überlieferten Lehre gewesen? Dass derartige Fragen in der Sache ergiebiger sind als der Ruf nach Sonderformularen, zeigt der anregende Disput, den die Theologen Thomas Marschler, Michael Seewald und Reinhard Hütter zur Dogmenentwicklung seit mehreren Monaten in der Zeitschrift „Herder Korrespondenz“ führen.

Auch wenn von Erforschern der neueren Papstgeschichte der Befund Seewalds bestätigt werde, wonach die päpstliche Konzentration auf die formale Lehrautorität eine jüngere Erscheinung sei, stellt Marschler klar: „Die Überzeugung, dass Sätze, die von der Kirche als geoffenbarte Glaubenswahrheiten verkündet werden, Normen göttlichen Rechts sind, denen als solchen Verbindlichkeit (auch für die Zukunft) zukommt und deren Ablehnung mit Strafandrohungen (Anathematismen) belegt wird, gehört allerdings der Sache nach schon seit früher Zeit zum katholischen Selbstverständnis.“ Wie strikt etwa die christologischen und trinitätstheologischen Lehraussagen der altkirchlichen Konzilien sowie die orthodoxe Vätertradition als Grundlage und Maßstab späterer Reflexionen verstanden wurden, lasse sich in der Theologie des Mittelalters unschwer erkennen.

Offenbarung ist kein Ding an sich

Wobei auch Marschler einräumt, dass die Lehrtradition nicht erst in der Neuzeit, sondern von Anfang an mit Entscheidungen verknüpft ist, „die rein geschichtlich gesehen kontingenten Charakter haben“. Der Streit mit Seewald geht denn auch im Wesentlichen um die theologische Ergänzung einer solch „rein geschichtlichen“ Sehweise. Wie ergänzt der „Geistbeistand“ (Marschler) als Erkenntnismittel die historisch-kritische Methode, ohne zum Ideologem zu werden?

Beide Theologen sind sich einig: Das Offenbarungsereignis ist nicht ein „Ding an sich“, Zugang zu seinem Gehalt habe man „allein in den unterschiedlichen Manifestationen des Glaubens der Kirche“. Aber Seewald fürchtet den Zirkelschluss, der sich aus einem normativ festgestellten Glauben der Kirche ergeben könnte. Dergestalt, dass korrekte Offenbarungsdeutung nur als amtliche zu haben sei, was umgekehrt bedeute, dass es keine Rückfrage an die Offenbarung gegen das amtlich Interpretierte gibt. „Einer solchen Auffassung kann ich mich nicht anschließen.“

Gefragt ist, mit anderen Worten, eine methodisch geleitete Verhältnisbestimmung von Zeitlichem und Überzeitlichem. Deren Kriterien gilt es zu klären, soll theologischer Fortschritt nicht sprachlos bleiben oder in historistischen Paradoxien versanden. Das ist komplizierter, aber wohl auch befriedigender, als Kerzen im Fenster für einen Ausweis kirchlicher Zukunftsfähigkeit zu halten.

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