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Kanzlerin und Kulturschaffende : Die Inszenierung des Kümmerns

  • -Aktualisiert am

Und was jetzt? Angela Merkel gibt die Mutter der Nation Bild: AFP

Im Gespräch mit Vertretern verschiedener Kulturbranchen gibt Angela Merkel die Mutter der Nation. In dieser Rolle ist sie grandios. Konkrete politische Schritte darf man nach der öffentlichen Übung in Bürgernähe nicht erwarten.

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          Also gut: Es war richtig. Es war wichtig. Es musste sein. Aber vergnügungssteuerpflichtig war das Gespräch, das Angela Merkel am Dienstag mit vierzehn Kulturschaffenden (lassen wir es bei dem Wort: „Kulturarbeiterinnen“ ist noch schlimmer, „Kulturvertretern“ völlig daneben) führte, wahrhaftig nicht. Das lag nicht am digitalen Rahmen und auch nicht an der Kanzlerin; sie war, wie sie immer ist bei solchen Gelegenheiten, zugewandt, manchmal jovial, öfter sachlich, ohne Patzer und ohne Bonmots. Es lag am Anlass. Audienz in der Weltkrise, Folge fünfundzwanzig (gefühlt): die Kultur. Ja, sie ist reich, sie ist vielfältig, sie ist systemrelevant (wie das „Amen“ in jeder Kulturpolitikerpredigt lautet); aber doch nur ein bisschen.

          Es geht um Trost statt Umdenken

          Deshalb hat sie der Gesetzgeber dem Freizeitbereich zugeschlagen, und bei jedem Corona-Erlass, jeder Infektionsschutzgesetzesnovelle kommt diese Wunde wieder zum Vorschein. Deshalb fragt man sich schon, warum es anderthalb Stunden dauert, ehe die letzte der Kulturgesandten, die Direktorin des Varusschlacht-Museums, nach dem Freizeitbegriff der Bundesregierung fragt. Ein Museum sei nämlich ein Bildungsort, sagt Frau Derks aus Kalkriese, so wie das Kino, möchte man ergänzen, oder das Konzerthaus, die Oper, das Theater, die Galerie, gelegentlich sogar der Club. Danke dafür!

          Doch der Zweck des Video-Kummerkastens an diesem Dienstagmittag ist natürlich ein anderer, es geht um akutes Elend statt langfristiges Umdenken. Deshalb darf jeder der vierzehn Teilnehmer seine Klage vortragen, je nach Branche in Dur oder Moll: Die Kinoproduzenten fordern Änderungen am Filmförderungsgesetz, die Choreographen eine Verstetigung der Staatshilfen, die Buchhändler eine klare Öffnungsperspektive, die freien Musiker wollen mit den Kurzarbeitern gleichgestellt, die freien Schauspieler endlich ernst genommen werden. Und Merkel hat für jede und jeden einen Satz, einen Spruch, einen Trost: „Das ist ein interessanter Punkt, den nehme ich auf.“ – „Das muss alles wieder eingeübt werden.“ – „Der Mensch fällt ja nicht aus dem Bett ins Theater.“ – „Das ist schon eine traurige Zeit, da hat sich Frust aufgestaut.“

          „Ich spreche noch mal mit Frau Grütters“

          Wenn die Not allzu groß, die Nachfrage allzu dringlich ist, verspricht sie deren persönliche Weiterleitung ans zuständige Ressort: „Ich rede noch mal mit der Kulturstaatsministerin.“ – Ich spreche noch mal mit Frau Grütters.“ Dabei ist gerade das nicht der Zweck der öffentlichen Übung in Bürgernähe – konkrete politische Schritte, Änderung der Hartz-IV-Kriterien, Nachjustierung der Bundeshilfen für die Kultur. Es geht um Symbolpolitik, um die Inszenierung des Kümmerns.

          In dieser Rolle ist die Bundeskanzlerin grandios: Wie sie dasitzt und zuhört, achtsam, gefasst, geduldig auch unter Zeitdruck, gibt sie das Inbild der Mutter der Nation, der dritten Lichtgestalt nach Adenauer und Bismarck. Man kann nur hoffen, dass die Kultur, die trotz aller tröstenden Kanzlerinnenworte unaufhaltsam unter die Räder der Pandemie kommt, die Lektion dieser Auftritte begreift. Möge aus ihrem Staub dereinst ein Rächer erwachsen, der dieses Schauspiel in einen Film, einen Roman, ein Theaterstück, eine Installation, eine Choreografie oder einen Song zu fassen versteht.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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