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Die Internet-Offensive von Harvard : Wir wollen unseren geistigen Reichtum teilen

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Eine der vielen Bibliotheken Harvards: Die Widener Library Bild: AFP

Die Bibliothek der Harvard University will ihre Bücher und Zeitschriften fast unbegrenzt im Internet zugänglich machen. Ihr Direktor Robert Darnton ist einer der angesehensten Buchhistoriker. Im Interview mit der F.A.Z. spricht er von einem der tiefsten Einschnitte in der Geschichte der Wissensverbreitung.

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          Die Bibliothek der Harvard University will ihre Bücher und Zeitschriften fast unbegrenzt im Internet zugänglich machen. Ihr Direktor Robert Darnton ist einer der angesehensten Buchhistoriker. Im Gespräch mit der F.A.Z. spricht er von einem der tiefsten Einschnitte in der Geschichte der Wissensverbreitung.

          Harvard hat sich entschlossen, Forschungsergebnisse und wissenschaftliche Veröffentlichungen seiner Fakultätsmitglieder ins Netz zu stellen, kostenlos für alle. Warum und warum gerade jetzt?

          Ich arbeite hier erst seit September als University-Professor und Direktor der Universitätsbibliothek, ich bin also der Neue. Aber mein ganzes Leben lag mir die Verbreitung des Wissens am Herzen. Als ich nach Harvard kam, war schon die Gründung eines „Open access“- Depots im Gange. Das habe ich sogleich als eine meiner Top-Prioritäten gesehen. Denn genau wie eine große Universitätsbibliothek ihre Bestände dem Rest der Welt durch Digitalisierung zugänglich machen sollte, woran wir zurzeit hart arbeiten, sollten auch Forschungsergebnisse frei verfügbar sein. Diese Richtung hat auch zum Ziel, Harvard zu ermuntern, weniger nach innen als nach außen zu blicken. Wir wollen unseren intellektuellen Reichtum mit allen teilen.

          Der Campus der Harvard University in Boston wird größer und größer (Foto digital aufbereitet)
          Der Campus der Harvard University in Boston wird größer und größer (Foto digital aufbereitet) : Bild: REUTERS

          Gibt es dabei Widerstand unter Ihren Kollegen?

          In der speziellen Debatte hat sich niemand dagegen ausgesprochen. Wir haben alles aber über viele Monate hinweg vorbereitet, und letzten Oktober, als die gesamte Faculty of Arts and Sciences zusammenkam, fand eine ausführliche Debatte statt. Danach haben wir zwei offene Foren veranstaltet. Auch auf unserer Website kam es zum regen Meinungsaustausch. Da tauchten allerdings Vorbehalte auf.

          Fürchteten nicht einige Professoren, sie müssten, ob sie es wollten oder nicht, ihre Forschungsergebnisse zuerst im Internet veröffentlichen?

          Zu Beginn war das einer der Vorbehalte, aber er beruhte auf einem Missverständnis. Wer seine Forschung nicht ins Netz stellen will, braucht das nicht zu tun. Unser Projekt hat aber ein „Opt-out“-Vorgehen. Das heißt, wir verlangen von unseren Lehrenden, dass sie uns ihre Artikel zur Verfügung stellen, es sei denn, sie hätten sich von dieser Pflicht befreien lassen. Wir haben das getan, weil wir das Gesamtgewicht des Lehrkörpers hinter uns haben, aber zugleich jedem Einzelnen die Entscheidung freistellen wollten. Wir haben nicht beansprucht, das exklusive Eigentumsrecht des Lehrenden an seiner intellektuellen Produktion einzugrenzen, genau dafür wurden wir aber von Leuten kritisiert, die militant den „open access“ fordern.

          Diese Kritiker wollten mehr, als Sie anzubieten bereit sind?

          Sie wollten, dass wir unsere Lehrenden verpflichten, im Internet zu publizieren. Ich meine, das wäre ein Fehler. Wir müssen dem Individuum die Entscheidung überlassen, statt eine Tyrannei der Mehrheit zu begründen. Es gibt freilich noch einen anderen Kritikpunkt, und der wiegt schwer. Den Hintergrund dafür bilden die eskalierenden Preise akademischer Zeitschriften, was eine Bedrohung für das Wesen der Forschung darstellt. Es wäre falsch, unseren Gang ins Internet als Deklaration gegen die Verlage zu verstehen, die teure Zeitschriften herausgeben. Sie werden ihre Verfahrensweise nicht ändern, nur weil Harvard jetzt ein „Open access“-Depot hat.

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