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Internet und Demokratie (3) : Die Illusion vom mündigen Nutzer

  • -Aktualisiert am

Eingeschränkt medienkompetent: Hillary Clinton kam im amerikanischen Wahlkampf wegen ihres Mailverkehrs ins Gerede Bild: AFP

Die Hoffnung, das Internet sei das neue Leitmedium demokratischer Partizipation, liegt heute unter Hetze und Hass begraben. Die Technologie trägt daran am wenigsten Schuld.

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          Es gibt keine Internetdemokratie. Obwohl analoge Reproduktionstechniken Voraussetzung für die Verbreitung von Buchverlagen, den Druck von Flugblättern und den Siegeszug der Zeitung als Medium der bürgerlichen Gesellschaft waren, käme niemand auf die Idee, die bürgerliche Epoche als „Buchdruck-Demokratie“ zu bezeichnen. Zwar waren analoge Medien grundlegend für die Herausbildung der bürgerlichen Öffentlichkeit, doch jene Öffentlichkeit selbst war kein Medium, sondern Ausdruck eines gesellschaftlichen Verhältnisses: Der Bürger als widersprüchliche Einheit von Bourgeois und Citoyen, die Ausdifferenzierung einer ökonomischen Interessen und individuellen Vorlieben reservierten Privatsphäre und eines der politischen Diskussion gewidmeten öffentlichen Raums, die Kleinfamilie als Voraussetzung von Individuation, die Trennung von Lebens- und Arbeitsplatz und die Entwicklung dem Ideal nach egalitärer Bildungseinrichtungen waren Konstituenten dieses Verhältnisses.

          Erst in dieser Konstellation gewannen die analogen Reproduktionstechniken ihre Bedeutung. Indem sie die immer schnellere, massenhafte Zirkulation von Informationen, Gedanken und Meinungen angesichts eines steigenden allgemeinen Bildungsniveaus, der Demokratisierung des Zugangs zu Informationsquellen, der rasanten Urbanisierung, größeren räumlichen und sozialen Mobilität und der politischen Integration der Massen beförderten, wurden sie Medien bürgerlicher Demokratie.

          Spätestens die Bedeutung analoger Massenmedien als Propagandaagenturen der totalitären Staaten hat jedoch die Naivität des technischen Fortschrittsoptimismus vor Augen geführt, der in der Zeit des aufstrebenden Bürgertums vorherrschte. Nun wurde offenkundig, dass die Techniken der Vervielfältigung und massenhaften Kommunikation nicht von sich aus progressiv waren, sondern ebenso effizient die Zerstörung jener Öffentlichkeit befördern konnten, deren Herausbildung sie begünstigt hatten. Diese Janusköpfigkeit der Medien ist nicht mit Neutralität zu verwechseln. Kein Medium ist jemals neutral gegenüber politischen und gesellschaftlichen Zwecken. Vielmehr fördert und hemmt jedes Medium unter je konkreten historischen Bedingungen spezifische Fähigkeiten und Neigungen der Menschen, die sich seiner bedienen.

          Medium und Gesellschaftsform

          Welche das sind, und ob ihre Förderung und Hemmung dem Fortschritt oder der Regression zuarbeiten, hängt jedoch weniger vom Medium als von den Menschen und den Bedingungen ab, unter denen sie leben. Insofern ist die Tatsache, dass gegenwärtig allerorten von „Internetdemokratie“, „E-Demokratie“ oder „liquid democracy“ die Rede ist, Medium und Gesellschaftsform in Hinsicht auf die Gegenwart also leichterhand miteinander identifiziert werden, selbst ein Symptom der Regression. Offenbar werden die digitalen Medien zumindest in den westlichen Staaten von ihren Nutzern so sehr als zweite Natur wahrgenommen, dass sie als Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse kaum noch entzifferbar sind.

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