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Internet und Demokratie (3) : Die Illusion vom mündigen Nutzer

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Bildungsvoraussetzungen der digitalen Kommunikation

Vor allem befördern die digitalen Medien die ohnehin breite Tendenz zu Distanzlosigkeit, roher Direktheit und blanker Willkür. Wer sich hinsetzt, um einen mit Anrede, bürgerlichem Namen und Adresse versehenen Leserbrief zu verfassen, zollt damit schon habituell der Sachautorität Respekt, die in den Herausgebern der Zeitungen der Idee nach repräsentiert ist; mag er auch Ressentiments absondern, er muss seinen Ausführungen eine gewisse Scheinplausibilität, gefasst in grammatisch korrekte Sätze, verleihen und sich bewusst halten, dass er mit seinem eigenen Namen für seine Meinung bürgt.

Wer seine Kommentare zum Tagesgeschehen unter mehreren Pseudonymen hinterlassen kann und im Falle eines Regelverstoßes kaum Sanktionen fürchten muss, wer nicht mehr Herausgeber adressiert, sondern direkt den jeweiligen Autor ansprechen kann, bei dem entfällt die internalisierte Selbstkontrolle. Das könnte anders sein, wenn die Nutzer der sozialen Netzwerke das Regelwerk, das der Zeitungsleser beherrschte, selbstverständlich voraussetzen würden. Dass dies nicht der Fall ist, liegt weniger im Medium als in gesellschaftlichen Veränderungen begründet. Voraussetzung für eine souveräne Nutzung der Sozialen Medien wäre gerade, was immer weniger vorausgesetzt werden kann: eine umfassende Bildung nicht nur in Hinsicht auf die technische Infrastruktur, sondern im durchaus altmodischen Sinn einer Verinnerlichung von Konventionen, die den Tausch von Argumenten, Streit und Kompromiss, Einigung oder Dissens, allererst zulassen. Eine solche auf Ansprechbarkeit und reflektierte Erfahrung zielende Bildung aber verfällt immer mehr.

Neutralisierung des Denkens

Die Anonymität und Flexibilität des Internets befördert in den westlichen Staaten den politischen Voluntarismus. Wo schon die Schulen alle Energie darauf verwenden, Bildungsniveaus zu senken und virtuell jedem Zugang zu akademischer Exzellenz zu gewähren, womit die Prekarisierung ehemals privilegierter Berufe nur befördert wird, ist es illusorisch, zu erwarten, dass ausgerechnet die sozialen Netzwerke zum Ort demokratischer Willensbildung werden.

Unter den gegebenen Bedingungen befördert die „Internetdemokratie“ in den westlichen Gesellschaften fast zwangsläufig die Banalisierung des politischen Diskurses und die Neutralisierung des Denkens. Eine stärkere Kontrolle der Sozialen Medien, sei es durch juristisch fixierte oder selbst auferlegte Regeln, kann dieses Problem vielleicht eindämmen, an den Bedingungen, die es hervorgebracht haben, ändert sie wenig. Freie Rede, unreglementierte Urteilskraft und ungeschützte Offenheit im Umgang mit anderen werden ihren Ort, wenn überhaupt, nur außerhalb der digitalen Welt finden: wo immer Einzelne, die noch nicht vollends aufgehört haben, sich über die Welt, in der sie leben, zu wundern, spontan und aus freiem Willen zusammenfinden - am besten in Echtzeit und von Angesicht zu Angesicht zu Angesicht.

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