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Internet und Demokratie (3) : Die Illusion vom mündigen Nutzer

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Die digitalen Medien werden dabei vorwiegend auf zweierlei Weise angesehen: entweder instrumentell, als ein optimal an seine Zwecke anzupassendes Mittel, oder ontologisch, als absolute Form, die aus eigener Kraft heraus die ihr angemessene Wirklichkeit erzeugt. Beide Sichtweisen gibt es in einer optimistischen und pessimistischen Variante. Die Instrumentalisten tendieren entweder dazu, die sozialen Netzwerke als optimal für die Förderung demokratischer Partizipation zu verteidigen oder ihnen diese Eignung abzusprechen.

Die Ontologen, die sich vor allem unter Medien- und Kulturphilosophen finden, betrachten die digitalen Netzwerke entweder als Ort universaler Versöhnung, wo Individuen und Kulturen nichthierarchisch und basisdemokratisch miteinander in Austausch treten können, oder als Medium einer ebenso umfassenden Zerstörung, dem sich die Nutzer nur um den Preis der Aufgabe ihrer Privatsphäre und Individualität ausliefern können.

Blick auf den Nutzer

Die hier idealtypisch skizzierten Haltungen treten in der tagespolitischen Diskussion in Mischformen auf. So fordern pessimistische Ontologen mit Sympathie für die instrumentalistische Sichtweise strenge politische und juristische Regeln für die sozialen Netzwerke, um der dem Internet innewohnenden Tendenz zu Verrohung und Pornographisierung zu begegnen. Optimistische Ontologen, die den pessimistischen Instrumentalisten Konzessionen machen, appellieren stattdessen an die Fähigkeit zur freiwilligen Selbstkontrolle und plädieren für selbst auferlegte Regeln der Mediennutzer. Auf diese Weise kann nicht nur für die digitalen, sondern auch für die analogen Medien jede Menge „Content“ generiert werden, ohne dass sich triftige Erkenntnisse einstellen.

Gerade zwecks Einschätzung der zerstörerischen und fortschrittlichen Potentiale digitaler Medien wäre es stattdessen fällig, den Blick auf deren Nutzer zurückzuwenden und zu fragen, wie diese sich durch die Partizipation an sozialen Netzwerken und den Gebrauch digitaler Kommunikationsmittel konkret verändern, welche ihrer Fähigkeiten und Bedürfnisse gestärkt oder gehemmt werden, und was das über den Gebrauchswert digitaler Technologie für die Demokratie aussagt.

Das Ergebnis einer solchen Betrachtung fällt für die westlichen Staaten ziemlich desaströs aus. Während die Rede vom „mündigen Konsumenten“ in Hinsicht auf den bürgerlichen Zeitungsleser nie nur Ideologie war, erweist sie sich in Hinsicht auf den Nutzer sozialer Netzwerke als inadäquat. In welchem Maße diese Netzwerke dem Ausleben von Unmündigkeit dienen, zeigt sich schon an der Tatsache, dass die Moderation der Internet- und Facebook-Auftritte von Tages- und Wochenzeitungen angesichts der zahllosen Regelverstöße inzwischen zu einem eigenen Berufszweig geworden ist. Die Leserbriefe der Tageszeitungen wurden zwar schon immer gefiltert, um beleidigende, sachfremde oder einfach verrückte Beiträge auszusieben. Die Promptheit, mit der im Internet Beiträge kommentiert werden können, und die Unüberschaubarkeit der Kommunikationswege stellen die Internetpräsenzen der Zeitungen jedoch vor neue Aufgaben.

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Trailer : „Parasite“

„Parasite“, 2019. Regie: Joon-ho Bong. Darsteller: Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam. Kinostart: 17. Oktober 2019

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